Schlaflos in Panama City

von Hinnerk Weiler / am 24.10.2014 / in Karibik

Eine Ankunft am anderen Ende der Welt

Das Ende der ersten Nacht in Panama City markiert ein Trampeln, wie von tausend Kinderstiefeln, die durch die Pfützen menschenleerer Großstadtstraßen springen. In Wahrheit sind es die Füße von Riesen, die lauthals ihren Unmut in die Welt hinausgrollen und die Silhouette der Hochhäuser vor meinem Fenster für die Bruchteile einer Sekunde mit gleißend hellem Licht in scharfe Konturen zeichnen. Die Straßen verwandeln sich unter dem Tropengewitter in Sekunden zu reißenden Bergbächen; nicht unähnlich denen, die ich noch einen Tag zuvor in den Alpen sah.

Dampfende Großstadt der Küste des Pazifiks

Dampfende Großstadt der Küste des Pazifiks

Das leise Surren der Klimaanlage ist der Anker, der mich um drei Uhr morgens aus dem Delirium zwischen Jetlag und Klimaumstellung zurück in mein Hotelzimmer mitten nach Panama City holt.

Mit diesem Teil der Welt verbindet mich, seit ich das erste Mal die Karibik erreichte, eine merkwürdige Liebe, irgendwo zwischen Magen und Herzen. Sie schlägt auf das eine und lässt das andere höher springen. Komme ich per Boot ist der Wandel stetig und schwer an einem Punkt festzumachen. Am Flughafen jedoch wird diese Hassliebe immer dann am deutlichsten, wenn sich nach Passkontrolle und Gepäckband die Schiebetür des Zollbereichs öffnet. Hier verlasse ich die wohlbehütete Wirklichkeit einer organisierten Flugreise, ab hier erst bin ich auf mich gestellt und muss mich weitgehend allein zurechtfinden.

Das Willkommen ist anders als das nüchterne Herausspazieren in Hamburg, Düsseldorf oder Berlin. Hier begrüßen tausend Stimmen jeden Reisenden. Sie schlagen jedem entgegen, den die milchverglasten Türen freigeben und sagen alle das Gleiche: Taxi Señor?

Müde von über 15 Stunden Reise, verpasse ich die Sekunden klaren Abwägens und nicke zögerlich, statt bestimmt durch die drängelnde Menge zu schreiten. Verhalten, das Jagdinstinkte weckt: 55 Dollar soll die Fahrt zu meinem Hotel kosten. Ich antworte, dass ich die Tarife kenne. »50 Dollar« ist die knappe Antwort. In das Senken meiner Mundwinkel mischt sich ein Kopfschütteln und genügt, damit mein Gegenüber den Weg freimacht und auf das ältere Paar hinter mir zusteuert, als wittere er dort leichtere Beute.

Wo Taxifahrer nicht in den Flughafengebäuden nach Kunden suchen dürfen, versuchen andere ihren Teil des Touristen-Kuchens zu bekommen. Wenige wagen es, sich illegal als private Taxis anzubieten. Meist sind sie nur als »Anweiser« hier und verlangen für ihre Dienste 10 oder 15 Dollar Aufschlag auf die eigentliche Taxi-Fahrt. Ihr zweifelhafter Beruf besteht darin, Reisende nach draußen zu begleiten und bestenfalls das Gepäck zu tragen und dort einen Taxifahrer auszusuchen. Geht man gleich selbst hier her, kostet die Fahrt nur noch 35 US-Dollar.

Kurz davor steht noch eine zweite Prüfung des Tropenreisenden an. Wieder ist sie markiert durch einer Schiebetür, die dieses mal klar und durchsichtig ist: Vor der klimatisierten Ankunfthalle des Flughafens, wartet ein erster Vorbote der grollenden Riesen, die später in der Nacht marodierend durch die Stadt ziehen werden. Er steht gleich neben der Tür und trägt ein lauwarmes nasses Handtuch. Sein klatschender Treffer durchtränkt jeden Haaransatz, die Socken, selbst den Schlüpfer. In fast 90 Prozent Luftfeuchtigkeit bei über 30 Grad Celsius kleben sich locker sitzende Hemden und Hosen wie Frischhaltefolie auf den Leib. Kaum ein Nordeuropäer mit halbwegs intakten Körperfunktionen bleibt davon verschont. Und genau dieser Moment ist es, der das Herz höher schlagen lässt und den Magen umdreht. Der Augenblick in dem ganz klar wird: Du bist verdammt weit weg von Zuhause und zugleich fühlt sich gerade das fast beschämend gut an.

Panama City

Panama City

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