Leben an der Nordseeküste

von Hinnerk Weiler am 08.02.2016 / in Deutschland

Dieser Artikel ist eine Reaktion auf den ☞Aufruf von ☞Sebastian. Der sucht für eine Lange Liste nach Leuten, die in 400 Wörtern ihren Lieblingsort an der deutschen Nordseeküste beschreiben. Leider kann ich nicht mitmachen, denn auch nach einigem Nachdenken, habe ich einfach keinen Lieblingsort und das finde ich eher gut.

20150915-103717-Holland-holland2015Nun bin ich vor einer Weile tatsächlich mal wieder an der Waterkant auf dem Wasser und an Land gewesen und habe meine Erinnerungen an die Heimat, an Elbe und Norddeutschland, einwenig aufleben lassen. Auf einen geographischen Lieblingsort kann ich mich aber trotzdem nicht festlegen. Mein Lieblingsort an der deutschen Nordseeküste machen die silbergrauen Planken eines nicht zu modernen Segelbootes aus. Damit würde ich überall dort zuhause sein, wo ich meine Leinen festmache und wenn ich eines Tages wirklich in Deutschland sesshaft werden sollte, dann stehen die Chancen gut dafür, dass es weit oben zwischen Schafen, Kühen und Deichen sein wird. Konkrete Vorstellungen, wie so ein Ort beschaffen sein sollte, habe ich jedenfalls.

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Zuerst einmal glaube ich, durchaus Inselbegabt zu sein. Obwohl ich enige Törns zu dendeutschen Nordseeinseln unternommen habe, sind sie nie langweilig geworden. Die Vorstellung, auf einem Haufen Sand, umgeben von Wasser zu leben, hat etwas enorm beruhigendes. Auf eine Insel muss jeder Termin, jede neue Aufgabe und selbst jeder Gedanke, den ich habe, über das Wasser zu mir kommen und erreicht mich meist als sanfte Woge und nicht mit einem Schlag.

Die Nordseeinseln sind für mich vor allem Wind, Sandstrände und Mövengeschrei irgendwo im Nichts. Bleibt man länger als ein üblicher Tourist, ist auch die handvoll Einheimischer zugänglich. Man muss die norddeutsche, die friesische, Art jedoch zu schätzen und verstehen wissen. Ein „Moin“ hinterm Deich und wenn es ganz enge Freunde sind, kommt noch ein Kopfnicken dazu. Das ist nicht misanthropisch, denn es gibt kaum eine ehrlichere Form des herzlichen Miteinanders, als kleine Gesten die bereits ernstgemeinte Zuneigung bedeuten.

20150903-085358-untitled_shoot-Natürlich gibt es gerade auf den Inseln Scharen von Touristen, die jeden Tag mit Ausflugsbooten anreisen, um durch die Häfen oder über die Strände und durchs Watt zu schlendern. Auch das finde ich ist tatsächlich ein Argument für das längere Festmachen in einem Inselhafen. Ich mag Touristen, ich bin selber immer wieder einer, und ich mag es, neue Menschen kennenzulernen, ihre Geschichten zu hören und meine zu erzählen. Tatsächlich gehöre ich zu denen, die lieber längsseits an einer öffentlichen Pier festmachen, als in einer Hochsicherheitsmarina.

Aber letztere gibt es an Deutschlands Nordsee ohnehin kaum. Dafür ein Leben mit dem Takt der Tide, der hier das Leben vor allem auf einem Boot bestimmt. Warten auf den richtigen Strom, den richtigen Wasserstand, die passende Strömung.

Zum Liegen und Leben auf einer deutschen Nordseeinsel gehört auch das Wattsegeln zum Festland. Auf zwei Weisen habe ich es kennengelernt: Mal als ultimative Entspannung, aber auch als Stress. Das Erlebnis steht und fällt mit dem Grad der eigenen Grundentspannung. Um zu gefallen müssen Termine hinten anstehen, dürfen wetterbedingte Liegetage selbst in vermeintlich unattraktiven Industriehäfen nicht zu verlorenen Tagen werden. Im Gegenteil: Das Warten muss man hier zelebrieren. Das Abpassen des richtigen Augenblicks ist nur etwas für Menschen mit Zeit im Kalender, vor allem aber für alle mit Zeit im Kopf.

Weiter Horizont auch hinter der Küste

Weiter Horizont auch hinter der Küste

Diese Zeit findet sich auch in der Landschaft des Nordens. Aufgeräumt und frei von üppigem Wildwuchs ohne knallbunte Farben. Hier den Blick schweifen zu lassen führt zu beruhigender Ordnung im Kopf.

Nordseehafen an der NordseeküsteMeine Lieblingsplätze an der deutschen Nordseeküste sind eingerahmt von langen schnurgeraden Gräben hinter gleichmäßigen Deichen, von denen man fünf Meter über dem Meeresspiegel den Blick in die Weite einer chaotischen Welt richten kann und sich im diesigen Nebel über dem Wasser verliert.

An anderen Tagen liegen diese Orte ein Stückweit die Priele hinauf. Meist ist das Wetter klar, wenn Hohe Wolkenfetzen darüber hinwegziehen und die Sonne diese Geschützten Stellen mit Behaglichkeit flutet. Die Behaglichkeit im vermeintlich Unbehaglichen macht die entlegenen Schlängel der kleinen Häfen zu stillen Oasen. Erreichbar von Land aus meist nur über Feldwege und per Boot entlang winziger beprickter Fahrwasser, abgeschnitten vom Meer bei Ebbe und Tor zur Welt während der Flut.

3 Kommentare

  • Vieles wiedererkannt und wieder als schön gefunden. Danke Walter

  • Sebastian says:

    Toller Beitrag. Das es schwer fällt verstehe ich nur zu gut. Eine Insel? Eine Stadt? Oder doch einfach nur ins Watt – egal wo?
    Ich bin ja selbst absolut verliebt in die Nordsee. Einerseits finde ich es schade das du dich nicht festlegen kannst. Andererseits freut es mich. Denn wer weiß ob es dann diesen tollen Beitrag geben würde…
    In der Hoffnung es nicht zu vergessen: ich werd denk ich einfach dann hier her verlinken. 🙂
    Grüße vom Wattenmeer,
    Sebastian