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von Hinnerk Weiler / am 20.12.2015 / in

Dieser Text aus meiner monatlichen Kolumne „Weilers Welt“ war in der Ausgabe Oktober 2015 von „segeln“ zu lesen. Seit 2012 schreibe ich darin jeden Monat über meine Eindrücke und Gedanken zum Fahrtensegeln.

Meiner Kolumne: "Weilers Welt" erscheint jeden Monat in der Zeitschrift segeln

Meiner Kolumne: „Weilers Welt“ erscheint jeden Monat in der Zeitschrift segeln

Zu den größten Vorzügen des Einhandsegelns gehört, dass man niemandem gegenüber Rechenschaft schuldig ist. Für alles an Bord gibt es einen Verantwortlichen, der auch gleich der einzig Leidtragende von Fehlentscheidungen ist. Das sorgt für ein gutes Image im Hafen. Dabei machen Einhandsegler natürlich nicht weniger Fehler, als jeder andere Skipper. Nur bekommt davon an Land niemand etwas mit.

Hin und wieder aber habe ich doch mal Crew an Bord und dann tritt oft ein Moment der Unsicherheit ein: was, wenn meine Entscheidungen daneben liegen?

Mit Fehlern vor der Crew umzugehen, gehört zu den größten Herausforderungen eines Skippers. Zu gern sehen wir uns doch in der Rolle des coolen Salzbuckels, der lässig bei neun Windstärken zwischen den Dalben einer Boxengasse herumfährt und in einem Zug das Boot an seinen Liegeplatz bringt.

Aber Skippern ist weit mehr als das: Selbstsichere Schiffsführung bedeutet vor allem Crewführung und da unterscheiden sich die Skippertypen: Den absoluten Kapitän erkennt man meist nach wenigen Minuten an Bord. Er strahlt vor Selbstvertrauen und hat offenbar alle Widrigkeiten der Seefahrt erlebt. Auf dem Törn fällt er rasche Entscheidungen und bleibt diesen treu. – Komme, was da wolle.

Oft liegt gerade bei diesem Skippertypen die Schuld für verpatzte Anleger aber stets an Wind oder Strom, noch öfter aber an einer Crew, die je nachdem mal zu langsam, zaghaft oder voreilig und unkoordiniert handelt. – Segeln mit einem absoluten Kapitän kann schnell anstrengend sein: Die Crew degeneriert schnell zu einem frustrierten, immer passiveren Befehlsempfänger und reagiert nur noch auf Anweisungen.

Das andere Skipper-Extrem erkennt man ebenfalls meist am ersten Abend an Bord: Er verrät wenig über seine Erfahrungen und Erlebnisse, interessiert sich aber umso mehr dafür, was seine Mitsegler an Bord gemacht und erlebt haben.

Unterwegs passieren diesem Skippertypen allem Anschein nach mehr Fehler. Zumindest bekommt seine Crew öfter ein „Upps“ zu hören. Dahinter aber steckt eine Souveränität. Denn er verlässt sich nicht nur auf seinen Erfahrungsschatz, sondern darauf, dass die Crew hilfreich mit Ideen und Vorschlägen zur Seite steht. Auf vielen Törns habe ich dadurch neue Kniffe gelernt. Gesteht man sich als Skipper Unwissenheit ein, macht man Fehler nicht als „Der Alte“, sondern als Teil des Teams und findet Lösungen gemeinsam. Später im Hafen ist das vergessen und niemand bekommt davon etwas mit, fast so wie beim Einhandsegeln.

von Hinnerk Weiler / am 05.12.2015 / in