Seglers Kommentare

von Hinnerk Weiler am 28.04.2015 / in USA

Vor der Stadt Mobile an der US-Golfküste kentern reihenweise Yachten in einem Überraschungshurrikan. So ist das nebenan bei Segelreporter zu lesen. Dazu gibt es das Youtube-Video einer eher gemütlich unaufgeregten Crew angesichts eines aufziehenden Gewitters.

https://www.youtube.com/watch?v=dJF7i5z9lQ4

Darunter geht es dann auch gleich mit den passenden Kommentaren los: „Dauert ja ziemlich lange, bis sie auf die Idee mit den Rettungswesten kommen“, gefolgt von der Bitte:

…bei so etwas dürft ihr gerne belehrend kommentieren

Zwar bin ich kein Segelreporter, aber ich war zumindest schon mal dort, eine ganze Weile lang sogar und auch um diese Jahreszeit. Ich maße mir also an, das Revier und auch die Amerikaner in der Gegend ein wenig zu kennen.

Überraschungs Hurrikan

Kurz vorweg zum Surprise-Hurrican. So ein tropischer Wirbelsturm, der in wenigen Minuten aus dem nichts entsteht und die Ausdehnung einiger tausend Quadratkilometer erreicht, ein definiertes Auge ausbildet und mit Flutwellen und unvorstellbaren Regengüssen über die Golfküste herfällt. Davon würden wir nicht bei Segelreporter, sondern überall in der Tagespresse lesen, denn das wäre ein Wetterunikum entgegen aller Regeln. – Nein! Entwarnung für alle: Tropische Wirbelstürme entstehen weiterhin nicht spontan.

Aber dort gewittert es. So ein Gewitter, das ist auch bei uns gar nicht so ungewöhnlich, erreicht auch mal „Hurrican-Force“. Im amerikanischen Sprachgebrauch wird das Synonym für unsere Sturm- oder Orkan-Böen benutzt. Selten kommen diese „Windfelder“ sogar mal ohne Blitz und Donner:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
Video-Link: http://www.youtube.com/watch?v=SgD7ZLjVvEA

Man darf der Crew zugutehalten, dass sie an einer Regatta in Mobile, Alabama teilnimmt und in der Gegend vermutlich genauso oft segelt wie der durchschnittliche Nordseesegler bei zwei Meter Welle zu Pfingsten vor Helgoland.

Denn was vielen der Kommentatoren unter dem Artikel und auf Youtube bei Kurs Bornholm vermutlich die Gesichtsfarbe aus den Wangen treiben würde, ist dort ganz normaler Alltag um diese Jahreszeit: Böen bis über 50 knoten Wind.

Das Beispiel Bornholm eignet sich übrigens auch daher, weil die Mobile Bay auf der das Video entstand, in der Breite etwa den Maßen der Ostsee zwischen Klintholm und Warnemünde nahe kommt. Allerdings rundherum geschlossen und bei Wassertiefen von um die zwei Meter. Auch ich würde hier sicher nicht mit dramatischer See rechnen.

Einer der Mitsegler wehrt sich auf Youtube dementsprechend gegen die Anfeindungen:

…If you have sailed the bay longer than a week you have been in a storm, it’s a regular thing around here.

Fast täglich fegen in den Sommermonaten heftige Gewitter an der Golfküste entlang, deren Intensität ich mir als Nordeuropäer kaum ausmalen konnte, bis ich sie erlebte. In aller Regel werden diese begleitet von der Warnung vor Wasserhosen und nicht selten auch mal mit einem Tornado-Alarm angekündigt. – Auf See will man das nicht haben, aber man kann sich nicht mal kurz an Land beamen und ist es schnell gewohnt, dem Aufzug so eines Unwetters recht gelassen entgegen zu sehen.

Selten dauert das länger als eine halbe Stunde. Die Panik vorher, während die schwarze Wand langsam und bedrohlich heranzieht, ist dabei oft größer als die Unannehmlichkeiten mitten drin.

Tropisches Sommergewitter über einem Ankerplatz in Florida an der Golfküste

Tropisches Sommergewitter über einem Ankerplatz in Florida an der Golfküste

Dass die Crew sich darüber im Klaren ist, zeigt eben auch ihre Gelassenheit:

Segel runter, Aussitzen. Die eindeutig beste Vorgehensweise, um mit einem so kurzen Starkwind in begrenztem Seeraum umzugehen.

Verdrängtes Drama

Was neben dieser Erkenntnis bleibt und zwischen den Kommentaren jedoch beinahe verloren geht, ist die schreckliche Nachricht, dass es anderen Crews,  weit weniger gut gelungen ist, mit diesem Unwetter fertig zu werden.

Ein Großteil der laut CNN vierzig aus dem Wasser geretteten Segler dürfte dabei wohl auf weit kleineren Yachten oder den im Video zu sehenden Standkatamaranen an der Regatta teilgenommen haben. Das legt zumindest [dieser Bericht] des US-Nachrichtensenders nahe.

Noch immer werden Personen vermisst, zwei wurden von der Küstenwache leblos aus dem Wasser gezogen.

Hier liegt das wirkliche Drama des Dolphin Island Race von vor drei Tagen. Aber das ist viel zu abstrakt und droht uns vor Augen zu führen, dass Segeln, wie auch sonst jede Minute Leben, Risiken mit sich bringt. Darum lamentieren wir doch lieber weiter darüber, dass der Skipper einer routiniert agierenden Crew erst nach sechs Minuten Rettungswesten verteilt hat.

3 Kommentare

  • Stefan says:

    Moin Hinnerk, danke für diese klarstellende Einschätzung. Hatte auch heute morgen das Video auf Facebook gesehen und mich über die Kommentare gewundert. Für die im Video gezeigte Yacht sieht die Situation für mich in der Tat eher unkritisch aus. Auf der Nordsee habe ich ähnliches Wetter auch schon öfter erlebt und das hat da auch niemanden gestört. Falls das Wetter halbwegs hätte erwartet werden können, hätte die Regattaleitung die kleineren Sportboote oder Strandkats aus meiner Sicht aber im Hafen behalten sollen.

  • Thomas Lindenberg says:

    Hallo Hinnerk, gibt es öffentliche Vorträge von Dir. Habe keine Termine gefunden. VH thomas

    • Hallo Thomas, die nächsten sind erst wieder zur Messesaison im kommenden Winter geplant. Ich hatte ja eigentlich gar nicht gedacht, im Sommer hier zu sein. Vielleicht ergibt sich ja noch etwas in den nächsten Monaten.