Marseille in tiefem Winter

von Hinnerk Weiler / am 04.02.2015 / in Zwischennotizen

Einen Moment lang denken wir, es muss ein Feiertag sein. Außer meinem eigenen Geburtstag wüsste ich jedoch kein geschichtsträchtiges Ereignis dass sich am vierten Februar wiederholen würde. Bis aber nach mir einmal ein Tag benannt wird, an dem Geschäfte geschlossen haben, wird sicher noch eine Weile vergehen. Trotzdem: Marseille wirkt an diesem Mittwoch Vormittag wie ausgestorben.

20150204-155330-Schweiz-Kopie_2Gebucht hatten wir den Kurztrip für vier Nächte bereits vor einer Weile. Côte d’Azur, 12-15 Grad mit Sonne statt Nebel über dem Zuger See in der Schweiz. Ein Ausflug an meinem Geburtstag, gemacht für einen sonnenhungrigen Segler, der schon zu lange im Winter ist.

Doch die südländische Lebensart liegt in diesen Tagen an der Mittelmeerküste auf Eis. Zumindest beinahe: vier Grad zeigen die elektronischen Thermometer an den blinkenden Grünen Reklameschildern der zahlreichen Pharmacies entlang der Rue La Canebière. Auf den Gehwegen huschen in dicke Jacken gehüllte Franzosen umher, die sich gegen den kalte Wind und eisige Regentropfen mit dicken Pullovern und Jacken zur Wehr setzen.

20150204-154722-Schweiz-Ein erbitterter Kampf, in dem es klar an Übung fehlt. Wer nicht raus muss, der scheint den Tag besser Zuhause zu verbringen; in Erinnerungen an warme Sommertage und lauschige Straßencafés. Dabei kommt das dicke Ende offenbar erst noch: für Freitag ist Schneeregen angesagt. Das passiert hier, erzählt man uns, etwa alle fünf Jahre.

Schnee bedeutet demnach, dass die Stadt zusammenbricht. Sicherheitshalber werden wohl schon einmal die Schneepflüge vorbereitet. Angeblich hat die Millionenmetropole davon fünf Stück.

20150204-151250-Schweiz-Am Quai du Port sitzen wir gegen Mittag in der oberen Etage des Columbus Cafés. Croissant und Café. Der Blick schweift über die verwaiste Promenade zum Vieux Port, Marseilles alten Hafen mitten im Stadtkern. Voller Segelyachten, Fischerboote und kleiner Ausflugsschiffe, nur heute scheint all das niemand zu nutzen.

Ich sehe über die Boote hinweg auf die andere Seite des Hafens. Die „Skyline“ einer Hafenstadt am Mittelmeer: Beschaulich, terrakotta-farben. Kleine Gassen, die sich vom Wasser langsam ins hügelige Land heben. Über allem wacht der Notre Dame.

Eine Metropole mit Weltruf hatte sicher niemand im Sinn, als irgendwann sechshundert vor Christus griechische Siedler hier landeten und einen kleinen Hafen mit Handelsposten errichteten. Seit dem ist die Stadt Umschlagplatz von Waren und Kulturen und längst zu Frankreichs wichtigstem Hafen für den Mittelmeerraum geworden.

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Das Ambiente von Hafenstadt und historischem Grund verleiht der Stadt selbst an einem kalten und grauen Tag ein ganz besonderes Licht. Hier trafen Kulturen bereits aufeinander, als man in weiten Teile Nordeuropas nicht einmal wusste, wer im Nachbardorf lebte.

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