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von Hinnerk Weiler / am 16.07.2014 / in ,
Refit auf Langfahrt, Gummihandschuhe gehören zur Ersatzteilliste

Fahrtensegeln und Terminpläne passen nicht immer gut zusammen. Auch dann nicht, wenn das Fahrtensegeln gerade von einer Rucksackreise mit Bus und Bahn unterbrochen ist. Mit einem Tag Verspätung und einer fetten Bitte um Entschuldigung folgt hier die zur aktuellen Ausgabe von segeln 08/2014 versprochene Ergänzung zum Ersatzteile-Artikel: Einpacken für die lange Reise.

Ein Tipp vorweg: Das akribische Arbeiten nach Listen nimmt mit der Zeit auf Langfahrt ab. Wartungen gehen in den Alltag über. Ebenso, wie ein Bäcker irgendwann 150 Gram Mehl »sehen« kann, genügt mir inzwischen auch der Blick ins Ersatzteilschapp, um zu wissen, dass die Ölfilter knapp werden. Am Anfang aber hilft eine Liste, dieses Gefühl zu entwickeln.

Meine Liste ist natürlich außerdem auf Paulinchen und die Ausrüstung an Bord abgestimmt. Der beste Weg zu einer vollständigen eigenen Ersatzteilliste führt über eine gründliche Inventur bei der jedes Teil mit Herstellernummer und genauer Bezeichnung aufgelistet wird.

Mit Programmen wie Microsoft Excel, Apples Numbers oder auch dem, im kostenlosen LibreOffice enthaltenen, Calc lassen sich Listen hervorragend an Bord verwalten. Alle diese Programme verstehen das „Excel“ Datenformat meiner Vorlage und können damit um die eigene Ausrüstung ergänzt werden.

Die Ersatzteilliste wird daraus durch einige weitere Spalten: Die Erste ist die Gedankenstütze für die »Anzahl in Reserve“. Ein Hinweis, wo diese Ersatzteile zu finden sind zahlt sich spätestens aus, wenn ein Teil nur selten ersetzt werden muss. Beispielsweise hätte ich mir dadurch langes Schaukeln in windlosem Schwell vor Honduras erspart, während sich auf der Suche nach dem zweiten Ersatzkeilriemen der Inhalt der Steuerbordkoje im Schiff verteilte.

Refit auf Langfahrt, Gummihandschuhe gehören zur Ersatzteilliste

Nicht weniger wichtig als „Ersatzteile“ ist Verschleißmaterial wie beispielsweise Einweghandschuhe

Wer es ganz akribisch haben möchte, notiert sich auch noch Informationen zum Werkzeug, beispielsweise, dass ein Schlüsselsatz in Zoll statt Millimetern für die Montage gebraucht wird.

Was wirklich nötig ist, entscheidet vor allem das Fahrtgebiet und natürlich der Platz an Bord. Genügen Kleinteile auf einem Törn in die dänische Südsee nicht mehr zur Reparatur, reicht dort eine Liste mit Telefonnummern. Auf dem Weg nach Elephant Island hingegen wird selbst eine Reserve-Saling kaum jemand übertrieben finden.

Je mehr man mitnimmt, desto weniger wird kaputt gehen. Erfahrungsgemäß aber immer das, wofür eh kein passendes Ersatzteil dabei ist. Da man aber ohnehin nicht für alles die gerade benötigten Ersatzteile dabei haben kann ist es oft besser, Reparaturmaterialien mitzuführen. (Epoxy, Neoprengummi etc.).

Vor allem: Solange es eben nicht nach Elephant Island geht, sind immer und überall eine Handvoll Segler, mit denen man Tauschen, improvisieren, basteln und gemeinsam das Boot verfluchen kann.

Meist sind es vor allem Kleinteile, die gebraucht werden. Das Rigg beispielsweise besteht vor allem aus Schäkeln, Bolzen und Splinten. Eine Einzelaufstellung ist hier zwar hilfreich, wird aber schnell unübersichtlich. Mein Tipp: »Eine Liste, die zu kompliziert ist, schaut man nie wieder an.« Von allen an Bord verwendeten Kleinteilen dieser Art gilt daher für mich: »Eine Handvoll von allem« als Maß. Das reicht immer, um zum nächsten Hafen zu gelangen und dort wieder aufzufüllen, was verbraucht wurde. Zum Rigg zähle ich in der Liste auch Reparaturmaterial für die Segel.

Stichsäge auf Langfahrt

Einen Schritt weitergedacht: Eine 240V Stichsäge ist auf der anderen Seite des Atlantik ohne passenden Inverter oder Generator an Bord Nutzlos. Überall finden sich aber Segler, die bereit sind auszuhelfen.

Zu größeren Rumpfreparaturen geht es üblicherweise in eine Werft. Dort lässt sich Material dann normalerweise auch bestellen. – Mit entsprechender Geduld! Ein GFK Reparaturset an Bord hilft diese Zeit zu überbrücken (bzw. die Werft überhaupt zu erreichen). Es wird dann mit dem neu bestellten Material wieder aufgefüllt.

Filter sind das Packmaterial des Fahrtenseglers und füllen jede Ecke und Lücke des Ersatzteilschapps.

Bei sehr vielen Seglern beliebt wie Bauchschmerzen sind Motorwartungen. Es bleibt wohl auf immer das Geheimnis der Ingenieure, warum Ölfilter so montiert werden müssen, dass sie nicht ohne Katastrophe abzuschrauben sind. Aber das ändert nichts daran, dass Ölfilter- und Dieselfilterwechsel zu den eher häufigeren Arbeiten an Bord gehören. Diese Verschleißteile können daher auch nicht in ausreichender Menge an Bord sein. Erst recht, wenn der Motor am Ziel der Reise nicht so alltäglich ist wie zuhause. Ersatzteile für meinen Yanmar gibt es beispielsweise fast überall. Aber welcher Zubehörhändler hat in Deutschland eine Idee parat, welche Filter für einen Atomic 4 nötig sind? – Dieser Motor dürfte aber gefühlt auf jedem zweiten Boot installiert sein, dass in den USA gebaut wurde. Mit anderen Worten: Was zuhause üblich ist, ist nicht unbedingt überall ein gängiger Motor. Daher sind Filter das ideale Packmaterial des Fahrtenseglers. Sie füllen jede Ecke und Lücke des Ersatzteilschapps.

Ich beschränke mich auf die „handelsüblichen“ Wartungsarbeiten. Um meinen Motor autark aus jeder Lage heraus retten zu können, müsste die Liste weit umfassender werden und von Kopfdichtungen über Thermostaten, bis hin zu Ersatz Wasserpumpe und Stösselstangen alles beinhalten, was kaputt gehen könnte. Auf Paulinchens Reise bräuchte ich dafür ein Begleitschiff.

So habe ich beispielsweise bewusst auf die bei vielen Langfahrern übliche Reserve-Lichtmaschine verzichtet, weil ich Alternativen zur Stromerzeugung und Segel habe. Die Gewichtung der eigenen Ausrüstung muss aber natürlich jeder Skipper passend zur Reise und Crew selbst treffen.

Bei jedem möglichen Ersatzteil lautet daher die Frage: Was ist, wenn dieses Teil ausfällt? Wie weit bin ich dadurch eingeschränkt oder gefährdet und womit kann ich den Ausfall vorübergehend kompensieren? Die Antworten hängen von der Erfahrung, der Kreativität und nicht zuletzt dem Selbstvertrauen ab. Aber es ist auch klar, dass ein Autopilot für Einhandsegler wichtiger ist, als für eine fünfköpfige Crew. Dafür können Außenborder und Dingi bei ihm problemlos eine ganze Weile ausfallen, solange noch ein Kajak an Bord ist oder die Reise ohnehin jeden Tag in einer Marina mündet.

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Ich bin gespannt, was nehmt ihr noch mit auf Reisen, um Euch zu helfen?

von Hinnerk Weiler / am 16.07.2014 / in
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