Nachts unter Parasailor

von Hinnerk Weiler am 03.06.2014 / in Karibik

Nach Sonnenuntergang sitze ich im Cockpit und schaue in die Sterne. Nur noch wenige Grad trennen mich vom Äquator und der Nachthimmel bietet voraus bereits eine Auswahl an Sternbildern der südlichen Hemisphäre. Hinter mir, über dem Kielwasser, schimmert knapp überm Horizont der Nordstern. Was ich in dieser Nacht beobachte, sind aber nicht die ungewohnten Konstellationen, ich suche nach dunklen Flecken zwischen ihnen.

Paulinchen unter Parasailor anstatt Spinnacker auf Vorwindkurs

Auf meiner Route waren längere Downwindetappen eher selten. In der Karibik hat sich das geändert

Das Vorsegel ist eingerollt und in schwacher Briese zieht der Parasailor Paulinchen seit Stunden durch die karibische See. Ihn nachts stehen zu lassen, machte mir anfangs Unbehagen, zu gut erinnere ich mich an einen Squall, der mich am hellen Tag vor Mexiko eingeholt hatte: Im Augenblick eines Fingerschnipsen nahm der Wind von kaum spürbar auf über 20 Knoten zu. Bei Halbwind riss das Segel Paulinchen auf die Seite. Wasser spülte über das Laufdeck, unter Deck flog ein Schapp auf und Töpfe polterten quer durch die Kajüte.

Keine Sekunde später war die Schot losgeworfen und das Boot richtete ich wieder auf. Das Vorsegel flatterte knallend im Wind, aber der Bergeschlauch machte das Einholen der 62 Quadratmeter dennoch einfach.

Seit dem Start in Hamburg hatte ich nur wenig Gelegenheit mit diesem speziellen Segel für leichte bis moderate achterliche Winde zu reisen. Auf dem Atlantik, gegen die vorherrschende Windrichtung war es eher die knarrend dichtgeholte Schot der Genua, die an der Kreuz für Vortrieb sorgte. Zwischen den Azoren und Kanada gab es nur einen einzigen Tag mit Wind in bequemer Geschwindigkeit und aus einer Richtung achterlicher als querab. Paulinchen segelte dabei nicht einmal auf ihr Ziel zu, viel mehr Galt es an diesem Tag, überhaupt fahrt durchs Wasser zu machen, und nicht nervensägendem Schlagen des Groß zum Opfer zu fallen. Auf üblicher Passatroute wäre das sicher anders gewesen und es hätten sich mehr Gelegenheiten ergeben.

In der Karibik hat sich das auch für mich geändert. Gegen den Golfstrom und mit dem Wind, war das Segel immer wieder die einzig willkommene Alternative zum wummernden Zweizylinder unter dem Niedergang. Zuletzt stand das blauweiße Tuch fast zwei Tage ununterbrochen auf der letzten Etappe vom kolumbianischen San Andres nach Panama: Über dreißig Stunden hinweg habe ich nach dem Setzen keine Schot angefasst.

Keine Gewitterwolken über der Karibik beim Nachtsegeln unter Parasailor

Dunkle Wolken am Abend: solange sie strukturlos und vereinzelt bleiben bringen sie bestenfalls einige Tropfen Regen. Hier bildet sich allerdings bereits ein „Turm“ als Vorbote für steigende Gewitterchance.

Unter normaler Besegelung reffe ich vor Einbruch der Nacht zumindest das Groß eine Stufe herunter und nehme in Kauf, langsamer zu segeln, um nicht von einem Squall und nächtlicher Hektik überrascht zu werden. Aber wie langsam soll man werden, wenn das Ziel ohnehin im Schritttempo näher rückt und noch über hundert Meilen entfernt ist?

Vorsicht ist trotzdem geboten: Große schwarze Flächen am mondlosen Himmel würden bedeuten, dass Wolken im Anmarsch sind und Wolken bedeuten in aller Regel Änderung des Windes.

Auf meiner Wache bin ich daher doppelt aufmerksam: Squalls können ohne Blitz und Donner kommen. Aber wenn das passiert, habe ich bisher jedes mal eine oder zwei Minuten vorher einen deutlichen Temperatursprung gefühlt. Ein kurzer eiskalter hauch oder eine Welle feuchtwarmer Luft würde ich in der Nacht zum Anlass nehmen den Bergeschlauch herunterzuziehen und abzuwarten. – Das ist ein Vorteil des Segelns ohne Zeitplan, wenn es keine wirkliche Rolle spielt, ob die Fahrt noch dreißig oder fünfzig Stunden dauert.

Auf Langfahrtetappen spielt ohnehin Bequemlichkeit eine größere Rolle. Ich merke das immer wieder beim Segeltrimm. Lieber segele ich mit ein bisschen offeneren Segeln und dafür aufrechter, lieber bin ich einwenig langsamer und dafür genussvoller.

Beim Einsatz des Parasailors ist eine Windsteuerung für mich ein Muss. Sie allein bewahrt mich bei leichten Winddrehern davor, die Schoten bedienen zu müssen, die ich über Stunden auf der Wisch belegt habe. Regattatypisches Spinackern mit Schoten in der Hand ist eine andere Erfahrung.

Fahrtensegleruntypisch fahre ich das Segel dabei eher bisschen zu dicht. Bei fünf bis acht Knoten Wind macht sich das auch auf der schmalen IW 31 nicht in übermäßiger Lage bemerkbar. Mit vier bis fünf Koten Fahrt liege ich eh bereits weit über den Erwartungen an eine Nacht, die der Wetterbericht als schwachwindig angekündigt hat. Aber so getrimmt hat die Windfahne mehr Zeit, das Boot in den leichten Drehern nachzuführen und durch die Wogen des hohen Schwells zu steuern, der aus Osten heranrollt. Währenddessen kann ich mich einem Buch hingeben und die Fahrt durch die Nacht genießen.

Dank Flügel kann der Parasailor ohne Baum gefahren werden. Gerade Einhand spart das Zeit beim setzen.

Dank Flügel kann der Parasailor ohne Baum gefahren werden. Gerade Einhand spart das Zeit beim Setzen.

 

Hin und wider fällt das Segel aber dennoch zusammen, zieht eine Sekunde mit dem Unterliek durchs Wasser und stellt sich ganz ohne mein Zutun dank des Flügels wieder aus. Überhaupt ist der Flügel nicht nur ein optisches Merkmal dieses besonderen Vorwindsegels, sondern der Schlüssel für die Ruhe im Schiff. Er richtet das Segel auf, gibt ihm Stabilität und hebt das Segel dabei zusätzlich an.

Auch in leichter Briese steht das Segel dank Flügel stabil

Auch in leichter Briese steht das Segel dank Flügel stabil

In den Bahamas hatte ich darüber mit der Crew eines deutschen Katamarans gesprochen und gelernt, dass gerade auf Mehrrumpfbooten, dieser Auftrieb für zusätzliche Entspannung sorgt: Anders als bei einem gewöhnlichen Spinacker zieht der Parasailor bei zunehmendem Wind und steigender Geschwindigkeit die Rümpfe aus dem Wasser. Er wirkt damit der sonst katamaranüblichen Tendenz zum Absacken und Unterschneiden von Wellen entgegen.

Auf Paulinchen mache ich mir darum keine Sorgen. Das Vorluk ist zwar offen und lässt minimalen Wind durch die Kajüte, Gefahr für Wasser an Deck besteht in dieser Nacht aber vorerst nur in Form von leichtem Regen.

Erst am letzten Tag fällt das Segel immer öfter zusammen und hängt schlaff im Wasser. Das GPS zeigt längst eine Null vorm Komma und irgendwann muss auch ich einsehen: Ohne Wind ist auch das beste Segel nutzlos.

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