Ein Hauch kubanischer Zellenluft im Nacken

von Hinnerk Weiler am 14.11.2013 / in Amerika

Rückblick, 27. Oktober.

Zwölf Meilen vor der Küste Kubas beginnt die Einreise ins Land. Unter der Gastlandflagge weht das gelbe „Q“, das internationale Zeichen für Schiffe in Fremden Hoheitsgewässern auf dem Weg zu einem Einklarierungshafen. Laut Revierführer will bereits hier die Guardia Frontera über die Absichten sich nähernder Schiffe informiert werden. Heute Morgen antwortet aber niemand auf meine Rufe im Funkgerät. Erst zwei Meilen vor der Ansteuerungstonne, beim fünften Versuch, meldet sich die Marina Hemingway, der Einklarierungshafen für Yachten in der Gegend um Havanna und verspricht unsere Ankunft den Behörden zu melden.

Noch immer rollen zwei Meter hohe Seen unter uns durch. Erst eine Meile vor der Küste erst steigt der Meeresspiegel aus über tausend Metern Tiefe steil zu einem knapp vor der Küste liegenden Riff an. Die See wird immer konfuser und noch einmal steil.

Wachposten der Küstenwache an der Einfahrt zur Marina Hemingway auf Kuba

Wachposten der Küstenwache an der Einfahrt zur Marina Hemingway auf Kuba

Einen Moment lang fürchte ich, das sie vor der Hafeneinfahrt brechen würde und Kinga fragt, ob ich eigentlich gelesen hätte, dass man den Hafen Wind aus Norden besser nicht anlaufen sollte. – Ich wiegele mit knappen Worten ab: „Ist Nordosten“ und mache mir einen wortlosen Vorwurf. – Die Ansteuerung sah auf der Karte so simpel aus, wer macht sich da schon die Mühe alles genau durchzulesen.

Der Hafenmeister erklärt per Funk, dass es wichtig ist genau an der Ansterungstonne zu sein und dann geradewegs in die schmale Durchfahrt zu fahren. Zwei Tonnenpaare markieren zu beiden Seiten das flache Riff. Direkt neben ihnen brechen sich die Wellen. „Ganz einfach!“, beruhige ich mich, „da wäre die Einfahrt auch ohne Tonnen gut zu erkennen.“ Dann halte ich auf die schaumlose Kreuzsee vor uns zu.

Kaum drinnen wird es still. Kokospalmen fangen den Wind ab, das Riff die Wellen und Kinga bekommt schlagartig wieder Farbe im Gesicht. Ein Uniformierter winkt uns aus dem Schatten einiger Palmen zu einem Platz an einer Betonmauer, freundlich aber wortlos deutet er uns, dort erst einmal zu warten.

Zeit, mein triefnasses Ölzeug gegen eine angemessene Hose und Hemd zu tauschen bleibt nicht. Kaum sind die Festmacher belegt, kommt ein älterer Mann in Zivil und stellt sich als „The Docktor“ vor.

Wir gehen unter Deck und er zieht einen Stapel Formulare heraus und beginnt seine Fragen:

Ob jemand in den letzten zwei Wochen krank war, will er wissen. Unauffällig lege ich eine Jacke auf den Kartentisch und bedecke die tags zuvor angebrochene Packung Antibiotika. – „Nein, alle gesund.“

Dann geht es durch die klassische Liste: Ob wir starke Medikamente an Bord haben, Morphium und Antibiotika möchte er sehen. Ebenso den Rest im Notfallkoffer in Augenschein nehmen. Unser Wasser im Tank kommt aus den USA und sei „gut“, sagt er. Wenn wir in Kuba die Tanks auffüllen, sollen wir aber lieber Flaschenwasser kaufen. Dann bedankt er sich, lässt mich unterschreiben, dass wir weder ungewöhnlich viele Ratten an Bord haben, noch das davon auffällig viele tot sind. Mit freundlichem Grinsen zieht er seiner Wege.

Ihm folgen zwei weitere Beamte in Zivil: Ein Vertreter des Landwirschaftsministeriums und einer vom Veterinäramt. Wieder Fragen: Diesmal zu Obst, Gemüse, frischem Fleisch, Haustieren an Bord. Alles in Dosen ist unbedenklich, alles Frische würden sie inspizieren und eventuell auch konfiszieren wollen. In Erinnerung an die Probleme bei der Einreise in die USA haben wir nichts Frisches dabei. Ein schwerer Fehler, wie sich in den kommenden Tagen noch herausstellt. Wieder wird ein Haufen Formulare ausgefüllt, unterschrieben und gestempelt. Am Ende richtet sich einer der Beamten an mich, spricht mit ernster Mine und sagt: „Hinnerk, we need your help“. – Eine peinlichere und albernere Art, um Schmiergeld zu bitten, ist mir noch nicht begegnet. Blick und Stimme erwecken den Eindruck, er müsste seine Tochter vor der Mafia verstecken, dabei will er nur eine Handvoll Dollar erbetteln. – Ich habe kein Geld in der Tasche. Ganz bewusst haben wir das so verteilt. Wenn mich einer um Geld fragt, verweise ich auf Kinga. Die gibt beiden jeweils fünf Dollar. Er druckst, wirkt unzufrieden und versucht anschließend Kinga aus der Kabine zu bitten: Es sei der Zeitpunkt, an dem die gelbe Flagge eingeholt werden muss. – Die antwortet gelassen: „Oh, keine Ahnung, wie das geht. Bin erst kurz an Bord und habe das noch nie gemacht.“ Zu offensichtlich ist sein Vorhaben, mich um eine größere Hilfe zu bitten.

Handfunkgeräte und GPS Empfänger werden bei der Einreise verplombt

Handfunkgeräte und GPS Empfänger werden bei der Einreise verplombt

Dann kommen uniformierte Beamte: Aduana und Guardia Frontera, der Zoll und die Küstenwache. Fragen haben sie nur wenige, schreiben vor allem die Daten vom Bootsschein und aus den Pässen ab. Mehrmals, auf verschiedene Formulare. Der Zollbeamte dreht eine Runde durchs Schiff, schaut in einige Schapps und fragt abschließend nach Details zur Bootsausrüstung. Funkgeräte, Mobiltelefone und GPS-Geräte werden genau mit Anzahl und Marke dokumentiert. Anschließend müssen Hand-GPS und Handfunkgeräte in einen Beutel und werden mit offiziellem Zoll-Klebeband verschlossen. Offnen dürfen wir das Paket erst wieder nach dem Verlassen kubanischer Hoheitsgewässer.

Dann kommt etwas Irritation auf: Auch alle Seenotsignale soll ich in einer Tüte sammeln und dem Beamten der Küstenwache übergeben. „Sprengstoff“ sei im Hafen nämlich nicht erlaubt.

Die gesamte Prozedur ist bürokratisch und nimmt fast zwei Stunden in Anspruch. Die Beamten sprechen nur wenig englisch, ohne Spanisch wäre einklarieren in Kuba nicht einfach.

Der letzte Schritt ist die „Imigracion“. Nur ich, nicht Kinga, soll mit ins Büro kommen. Dort wird mir ein Platz angeboten und ein erst dreinschauender Beamter beginnt: „We know about your work“. – „Wir wissen was du arbeitest.“

Bis dahin war die Einreise noch geprägt vom Eindruck einer Zeitreise an ein verfallenes Dock mit bröckelnden Buden. Eben noch war das seit Jahren wiederbenutzte Kohlepapier für die Durchschläge beinahe romantisch. Geradezu niedlich wirkten die unzähligen Stempel, deren Tinte zigmal mit Wasser verdünnt, blass auf den Formularen zurückblieb. Alles war ein amüsanter Ausflug in eine andere Welt. eine „von früher“, bevor es Computer gab.

Draußen schien die karibische Sonne auf das türkis gestrichene Haus, in dem ich jetzt saß. Die hölzernen Läden vor den Fenstern sperrten ihre Freundlichkeit aus, verbargen Palmen und leuchtendes Grün. Das Licht einer unverkleideten Neonröhre unterstrich den Charakter des begonnenen Verhörs.

Auch im sozialistischen Kuba ist google natürlich nicht unbekannt. Auf einem Computer in der Ecke baut sich in schleichendem Tempo langsam meine Webseite auf.

Das Ambiente verfehlt nicht seinen Zweck: Während mir Schweißperlen von der Stirn laufen, soll ich genau beschreiben, worüber ich in Kuba schreiben will. „Reisegeschichten“, wiegele ich ab: „über Orte, über Menschen, Landschaften, Ankerplätze und schöne Strände.“ Der Mine meines Gegenübers nach, wäre die Einreise an dieser Stelle zu Ende, wenn sich in meinem Portfolio Spuren von politischen Themen fänden. Noch einmal muss ich genau darlegen, wo wir überall stoppen wollen und was wir dort zu sehen erwarten und berichten möchten. Dann folgt ein kurzes Palaver in schnellem spanischem Flüsterton und nach einer Weile bekomme ich die Pässe mitsamt den Visa ausgehändigt: „You can stay as tourist“. Für eine letzte Unterschrift soll ich nur noch einmal beim Zollbüro vorbeigehen. Dort sei es zudem üblich, ein „Presénte“ für alle am Prozess der Einreise Beteiligten zu hinterlassen.

Dann dürfen wir weiter in die Marina zum Liegeplatz.

Angekommen in Kubas Marina Hemingway in der Nähe von Havana

Angekommen in Kubas Marina Hemingway.

 

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