Bei Meile 70 fehlt eine Boje

von Hinnerk Weiler am 07.12.2012 / in Nachrichten aus der Bilge

31 11.560N 087 56.691W Alabama River Cutoff, Tombigbee River, Alabama. – „Mind the Tide!“, warnt das „Book of Lies“, wie ich den Revierführer hier aus diversen Gründen getauft habe, beinahe an jedem Ankerplatz. Tide, könnte man meinen, ist was böses. Dreißig Zentimeter steigt und fällt das Wasser hier in etwa, wer also irgendwo hineinfährt, und halbwegs bei Sinnen ist, kommt da sicher auch wieder heraus, egal bei welchem Tidenstand. Was das Handbuch nicht verrät: Etwa jede fünfte Fahrwassertonne liegt irgendwo zerbeult weit ab der Rinne an Land. Vermutlich haben die Tows in den letzten Wochen bei täglichem Nebel zu einer erheblichen Reduzierung der kleinen Markierungen geführt. Und vermutlich ist das in dem beinahe darmartig gewundenen Fluss auch kaum zu vermeiden, wenn sich 30 Meter breit und hundert meter Lang die Schuber um die Ecken quälen. Damit dürfte auch erklärt sein, warum die Tonnen allesamt weder Lichter noch Nummern oder Namen tragen. Dabei wäre es oft hilfreich, die Bojen beispielsweise mit Meilennummern zu versehen. Dann könnte man eine vertriebene Tonne schnell erkennen. – Auch in den Karten sind sie meist gar nicht erst eingetragen. Wo also eine Boje fehlt, erfährt man nicht. Dass eine fehlte, entdeckt man in aller Regel erst etwas weiter flussab in Form von Treibgut und nimmt sich Herzen, einfach in der Mitte des Flusses zu bleiben und Kurven weit außen zu nehmen. Jedoch kann es passieren, dass man von einer grünen Tonne den Kurs zur Nächsten ändert und weil das Ufer längst nicht mehr so spannend ist, wie das Buch in der Hand, bekommt man dann eventuell nicht mit, dass dieser Kurs die Kurve ein bisschen eng schneidet. Das merkt man kurz danach: Wenn Paulinchens Bug sich weit absenkt, das Boot innerhalb von etwa fünfzehn Metern von sechs Knoten zum Stillstand kommt, bevor der Gashebel in Leerlaufstellung ist und dem Kontrollblick auf die Kielbolzen ein weiteres lautes „Danke“ in Richtung traditionellem schwedischen Bootsbau folgt. Dann geht es Zentimeter für Zentimeter mit Vollgas entlang der vom Kiel gegrabenen Furchein in etwa einer halben Stunde zurück ins tiefe Wasser. Das Buch liegt seit dem im Vorschiff, degradiert zur Nachtlektüre am Ankerplatz. ****

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