Jing und Jang und Joshua

von Hinnerk Weiler am 01.12.2012 / in USA

Seit einigen Tagen lauerte in der rechten oberen Ecke des Magens bereits so ein unbestimmtes Gefühl. Auf den letzten zweihundert Meilen dieser Reise sollte entlang des gewundenen Tombigbee Rivers quer durch Alabama besser nichts mehr schiefgehen. Die Zeit wird knapp und die Gegend wirkt auf den Landkarten zwar nicht verlassen, aber auch nicht gerade dicht besiedelt. Bobby’s Fishcamp, etwa in der Mitte der Strecke wird als einzige Tankstelle und Möglichkeit an Land zu gehen beschrieben. Mein unbestimmtes Gefühl war eine Mischung aus Respekt vor dieser Etappe und dem Gedanken, dass irgend etwas noch passieren müsste. Dieser Gedanke wurde erfolgreich klein gehalten von den Erfahrungen der recht unkomplizierten fast tausend Meilen im Fluss hinter mir. Proviant, Ölwechsel, Spritfilterwechsel, Tanken … Es geht, glaubt man Skipper Bob in einen menschenleeren Urwald und auch, wenn ich das nicht so recht glaube, sieht die Vorbereitung etwa so aus: für zehn Tage autark. Ein bisschen langweilig wird dieser Teil sicher auch, denn der Fluss macht umwege und schlängelt sich vor immer gleicher Kulisse gen Süden. Am Nachmittag dann die Erkenntnis, dass Bauchgefühl ein eben doch zuverlässiges Instrument für die Zukunftsvorhersage ist: Rund zwei Stunden vor der Ankunft am ersten Ankerplatz geht auf einmal die Drehzahl am Motor zurück. 2000 Umdrehungen, mehr geht nicht. Etwa zwei Drittel Marschfahrt sind damit sind noch möglich, genug, um sicher zu ankern und Ursachenforschung zu betreiben. Aber viel zu wenig, um die weiten Strecken zwischen den nächsten Ankerplätzen zu schaffen. Das Problem ist schnell gefunden. Erster Verdacht war eine Luftblase in der Spritleitung vom Filterwechsel. Beim neuerlichen Entlüften der Leitung zeigt sich dann die wahre Ursache: Mein Klabautermann mit Spitznamen Murphy scheint aus dem Urlaub zurück. Zwei von zwei Dieselpumpen pumpen kein Diesel. Nur die Hochdruckpumpe im Motor selbst scheint gerade noch genug Saugleistung produziert zu haben, um das Boot langsam am Laufen zu halten. Die Motorleistung wird also mit abnehmendem Füllstand im Tank vermutlich ebenfalls abnehmen. Eine Belastung, die ich dieser Pumpe ungern für die verbleibenden 173 Meilen zumuten möchte. Plan A: In Demopolis liegen noch einige Looper und machen sich langsam fertig zum Aufbruch. Paul, Skipper des bar jeder Beschreibung beeindruckenden Massiv-Teak-Holz Motorseglers ‚Memsahib‘ erklärt sich sofort bereit, eine Pumpe zu besorgen. Er würde vermutlich Montag starten und sie mir dann hier übergeben. Ich richte mich also auf ein Wochenende vor der Kulisse einer verlassenen Fabrikanlage ein. Und dann braust ein offenes Skiff in die Einfahrt: Dunkelgrün, klein, flach, 200PS am Heck. Fluchtartig ducken sich zwei Schildkröten unter Wasser und ein Otter verschwindet im Dickicht am Ufer. Die weiße Gischt ebbt ab und in großem Bogen kommt das Motorboot näher. Breiter Alabama-Südstaatenakzent: „‚joo ‚go’n to stay here in the moorn‘?“, fragt mich der freundlich blickende Mann. Ich bejahe. Und mein Blick streift über das offene Boot: Einige Angelruten, zwei Gewehre mit Zielfernrohr, etliche hölzerne Enten als Köder. Cruiser, selbst die mit den kleinsten Booten und Zelt, haben anderes Gepäck. Eigentlich, so erfahre ich weiter, wollte Joshua hier gern am kommenden Morgen Enten jagen. Aber wenn ich hier bin, macht er das eben woanders. Wir kommen ins Gespräch und ich erzähle ihm von meiner Misere. Noch bevor ich seinen Namen kenne zückt er sein Telefon und macht sich auf die Suche nach einer Dieselpumpe. Zehn Minuten später laufen mir Tränen über das Gesicht, als der eiskalte Fahrtwind in der einsetzenden Abenddämmerung sich in meine Haut schneidet. Mit 50 Meilen pro Stunden jagen wir über den Fluss zum Camp von Mr. Morgan. Die Holzhütte direkt am Ufer, steht in Erwartung der alljährlichen Hochwasser auf Stelzen gebaut und bietet drinnen einen fast quadratischen Raum mit vier Schlafplätzen auf der einen und einer kleinen Küche auf der anderen Seite. Eine Basis zum Jagen und fischen. Unser Boot lassen wir dort vertäut am Ufer und Mr. Morgan fährt uns zu Joshuas Truck, der einige Meilen weiter flussauf parkt. Zwei Stunden später, kehren wir mit einer Dieselpumpe und einer kleinen Tüte mit dem Filet eines am Nachmittag erlegten Deers zurück. Sprachlos bleibe ich an Deck sitzen und sehe zu, wie das kleine Boot langsam in dem einsetzenden Nebel der Nacht verschwindet. Irgendwo zwischen: sprachlos vor Dankbarkeit, voller Euphorie, an diesem Tag einen Blick in die Welt hinter dem Ufer geworfen zu haben und erschlagen von der Gastfreundlichkeit und der Hilfsbereitschaft, die mir dort ein weiteres Mal auf dieser Reise begegnet ist.

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