Am Mississippi

von Hinnerk Weiler / am 24.09.2012 / in USA
Undurchdringlicher Dschungel am Ufer des Illinois Rivers

Undurchdringlicher Dschungel am Ufer des Illinois Rivers

Die Landschaft änderte sich in den vergangenen Tagen täglich. Schleusen wurden selten, Berge rückten immer ferner vom Ufer und kamen nur langsam wieder dichter, bis die hohen Klippen an der Mündung in den Missisippi vor dem Bug lagen. Der Mittlere Westen wird im letzten Drittel des Illinois River wenig spektakulär. Man hat alles gesehen. Die Brücken, die Häuser, die Wohnwagen.

Über weite Strecken jedoch hört die Welt einfach direkt hinter dem Ufer auf. Selbst vom Kajütdach aus ist das Land dahinter kaum sehen. Und wenn es doch geht, ziehen sich Mais und Getreidefelder bis zum Horizont. Nur hin und wieder verrät die Staubwolke eines Mähdreschers leben an Land.

Wo Büsche und Bäume Amerika auf einen hundert Meter breiten Wasserstreifen reduzieren, entsteht der Eindruck durch einen Urwald zu reisen. Hightechland USA im Sommer 2012: Über Stunden leuchtet hier „No Service“ im Handydisplay, um für Sekunden von einem schwachen Signal abgelöst zu werden.

Katie und Jessie an Bord von Louise auf dem Illinois River

Nach Süden, den Pelikanen hinterher

Die, die hier unterwegs sind, rückten einwenig enger zusammen. Die letzten Tage war es eine Gruppe aus neun Booten, mal einer mehr, mal einer weniger. Die Motorboote preschen täglich voraus, um dann für Stunden an den Schleusen auf die langsamen Segelboote zu warten. Seit Havana ist Paulinchen nicht mehr die Letzte im Treck. Louise, mit ihren 27 Fuß, ist noch einen Tick langsamer. Katie und Jessie haben mich mit ihren 23 Jahren auch als Jüngsten der Gruppe abgelöst. Vor zwei Wochen sind beide in Michigan zum Great Loop gestartet. Boot kaufen, losfahren, Fehler machen, daraus lernen.

Eine Gelegenheit, zurückzuschauen: Wie waren eigentlich die eigenen Erwartungen beim Start und wie waren die Pläne? – Recht ähnlich: „Wenn wir es bis an den Golf schaffen, dann schauen wir wie es weiter geht.“ Vielleicht Karibik, vielleicht Südamerika, Europa könnte sein, oder einfach wieder nach Hause. Spontanität, die man nach mehr als 15.000 Meilen auf einer zumindest grob durchdachten Route manchmal wieder vorgeführt bekommen muss und die an die eigenen Anfänge aus 2005 mit sechs Metern „Sumpfkuh“ im Göta-Kanal erinnern.

Nebelschwaden über dem Illinois River bei Sonnenaufgang

Dichter Nebel verzögert den Start hin und wieder. Sonst gilt: Starten kurz nach Sonnenaufgang und ankern in der Dämmerung. Dazwischen liegen 30 bis 50 Meilen Fluss.

Die Stopps hier werden eh nicht von eigenen Ansprüchen, sondern durch den Fluss diktiert. Meist starten und enden alle Boote an denselben raren Orten, die mehr als sechs Fuß Wassertiefe außerhalb des Fahrwassers bieten. Zwischen 30 und 50 Meilen schaffen wir so täglich. Die Segelboote ankern etwas dichter an den Bojen, die Motorboote im flachen Uferbereich oder gehen in die immer seltener gewordenen Marinas.

Paulinchen und Binnen, das sind zwei Dinge, die noch immer nicht recht zusammenpassen. Sie wehrt sich vehement gegen den Törn durchs Süßwasser und der Fluss wischt uns auch immer wieder Eins aus: verschluckt erst ein Paddel vom Dingi, dann gleich einen ganzen Außenborder. Nach den ersten Tagen mit Problemen in der Spritleitung, nun plötzlich keine Schraubenwirkung mehr im Rückwärtsgang. Kurz danach auch nicht mehr in Vorausfahrt. Ich finde alle vier Bolzen der Schaftkupplung unter dem Getriebe und der Propellerschaft hängt etwa fünf Zentimeter dahinter in der Luft.

Der Schaden ist schnell repariert. Für den Klaubautermann heist dass auf die nächste Gelegenheit warten. Die bietet sich, wenn man als Einhandskipper mal unter Deck muss. Denn dann muss man eben mal unter Deck und bekommt nicht mit, dass das Boot unter Autopilot 45 Grad aus dem Kurs läuft. Vermutlich über einem Starkstromkabel am Grund. Beim nächsten Blick aus dem Fenster jedenfalls sind die Blätter des Dschungels zum Greifen nah gekommen, dann bohrt sich der Kiel auch schon tief in den weichen Schlamm.

Motoryacht Betty L auf dem Illinois River beim Great Loop

Helfer in der Not. Betty L zieht Paulinchen in Minuten aus dem Schlamm

„Be there in a minute“, Betty L ist etwa eine Meile weiter den Fluss hinunter, als ich sie per Funk um Hilfe bitte. Ihr blauer Rumpf ist einem typischen Krabbenfischer der Neu-Englandküste nachempfunden. Mehr Arbeitsboot als Yacht. „Rugged“, wie man hier sagt. Die weiten stählernen Ausleger, die das Rollen im Schwell über den Sandbänken vor Nantucket reduzieren, verraten zudem, dass auch Betty L eher auf dem Meer als in  Flüssen zuhause ist. Ihre 400 PS machen Paulinchen binnen Minuten wieder flott. – „Beers on me, next time in port“

Der wird auf dem Mississippi, Ohio River oder sogar noch später sein. Der Illinois River endete am nächsten Nachmittag an einer unbenannten Tonne vor dem Örtchen Grafton. Oben Rot, unten grün: gleichzeitig rechte Fahrwasserseite des Illinois Rivers und linke Fahrwasserseite vom Mississippi. – Fertig. 327 Meilen und der erste Fluss des Mittleren Westens liegen im Kielwasser.

Illinois River Mündung zum Mississippi

Meile Null. – Unauffällig mischt sich der Illinois River bei Grafton in den Mississippi

 

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