Oh Schweden

von Hinnerk Weiler am 23.06.2012 / in Kanada

Mary Ann’s Cove, North Channel, Kanada. – Es kommen einige tausend Seemeilen zusammen, bevor man von Deutschlands Küste in den Kanadischen North Channel kommt. Zwei Jahre hat es für mich gedauert. einige wochen werde ich noch auf etwa 46 Grad Nord bleiben, dann geht es nach Süden, über 102 Breitengrade nach Patagonien. So weit im Norden wie hier, werde ich erst in Asien wieder sein.

Hinter mir liegen Bahamas, Azoren, ein Stück amerikanisches Binnenlan… Und jetzt: Schweden. – vor dem bug liegt nichts als Schweden, Schweden, Schweden. Keine hundert Meilen von Rügen aus sieht es nicht anders aus als hier. Oberflächlich gesehen zumindest. Die Unterschiede liegen in Details: Andere Tierwelt, andere Arten Felsen und Bäume. Auch die Gewohnheiten sind zum Teil nicht die Gleichen: Schärenankern bedeutet hier, mit dem Heck zwischen einer langen Leine an Land und dem Buganker festzumachen. Meine „schwedische“ Art, direkt an den Felsen zu gehen, musste ich gestern erklären: „Ein verborgener Stein am Grund trifft so zuerst meinen Kiel, nicht mein Ruder und ich kann ohne Dingi an Land gehen.“ Gute Argumente. Mein Gegenüber ergänzte sie: „… auch Kojoten oder auch mal ein Bär kommen leichter aufs Schiff“. Ein Hinweis, der auch durchaus seinen Wert hat. [more] Ich liege in Mary Ann’s Cove, auf der Karte ein verträumtes kleines Fleckchen in einem langen Arm zwischen zwei langen Felsrücken aus Quarzgestein. Die Karten sind sich nicht ganz einig, der ursprünglich französische Name „Baie Fine“ wurde nach Generationen englischer Einflüsse immer wieder verbogen. „Bay Fine“, „Bay Finn“ und sogar „Bay of Finn“ ist daraus geworden, wie ich später „A Well Favored Passage“ lese. Der ungewöhnliche Revierführer verschwendet nur wenig Platz für Navigatorisches und verweist für Luftfotos und Ähnliches auf andere, wesentlich teurere Bücher. Dafür erzählt das Buch viel über die aus europäischer Sicht vergleichsweise kurze Geschichte des nördlichen Lake Huron. Von Siedlern, Trappern und Fischern, die hier lebten und manchmal auch nur überlebten. Geht auch auf Bräuche ein und klärt die kleinen Fragezeichen des Reisenden: Beispielsweise die vielen kleinen halbrunden Bauten, die man am Ufer hin und wieder sieht: Hütten von Eisfischern, die im Frühling für den Sommer einfach an Land abgestellt werden. Nebenei erfahre ich auch, dass mein Ankerbucht-Geheimtipp einer der beliebtesten Ankerplätze der Gegend ist. Bis zu 15 Boote finden hier in der Saison regelmäßig über Nacht Platz. – Während sich die Bucht am Abend füllt, erinnere mich an eine alte Schwedenregel: „Ist ein Ort im Revierführer empfohlen, fahre eine Bucht weiter und genieße es allein zu sein.“ Das aber mache ich nicht, sondern klariere feste Schuhe und Fotoausrüstung für einen Marsch auf den Frazer Bay Hill. Der Sage nach haben auf diesem Gipfel, Shawonoswe und andere Führer der First Nations dieser Gegend ihre Weisheiten über das Leben von Gitchie Manitou erhalten. Ein für viele noch heute heiliger Ort, der in den 80ern beinahe verloren gegangen wäre. Damals hatten kanadische Minenunternehmer vor, den Quarzberg sprichwörtlich abzubauen. Ich bin gespannt, ob er eine Form von Bergpredigt für mich parat hat.#img0 caption=‘ ‚#

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