Wider Erwarten wieder in Kanada

von Hinnerk Weiler am 08.08.2011 / in Kanada

Port Dalhousie, Kanada – „Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen, für alles andere gibt es Mastercard“, lautet ein Werbespruch der Kreditkartenfirma. Zur ersten Kategorie gehört vermutlich die Frage: „Wo ist der Sommer?“, die in diesen Monaten immer wieder auf Facebook das Hamburger Wetter kommentiert. Die Antwort ist hier im kanadischen Port Dalhousie simpel: Er ist hier! – Und Ihr könnt von mir aus gern reichlich davon abhaben.

Hafen Port Dalhousie am Lake Ontario

Hafen Port Dalhousie am Lake Ontario

An Schlaf ist ab etwa sechs Uhr morgens nicht mehr zu denken, wenn die aufgehende Sonne den Morgennebel in schwülwarmen Dunst verwandelt. Bleiern milchig liegt der über dem See und wabert in kleinen Portionen über die Ufer und in den Hafen. Der erste Gang von Bord führt vorbei am duftenden Kaffeeautomaten zum Iced-Drinks-Automaten neben dem Hafenmeisterbüro. – Eistee für 1,25 Dollar die Dose heißt die Lösung, denn die eigene Kühlbox will schon seit Annapolis nicht mehr. Schon auf dem Weg in den Ausgabeschacht bilden sich dicke Perlen aus Kondenswasser auf dem kalten Metall.

Aber ich will mich nicht beschweren über Temperaturen zwischen 27 und 32 Grad bei 70 bis 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Immerhin stehen mir die Tropen noch bevor, und da ist dies hier bestenfalls ein warmer Tag zum Eingewöhnen. Und überhaupt, ich bin wieder an Bord, wieder in Port Dalhousie, wieder in Kannada. Und das war gar nicht so einfach:

Leuchtturm von Port Dalhousie

Leuchtturm von Port Dalhousie

Denn so ganz stimmt meine Feststellung, dass man den Sommer nicht per Kreditkarte bezahlen kann auch nicht. Mann kann ihn nicht in Hamburg kaufen, aber einen Flug zu ihm. Manchmal muss man für diesen Sommer dann allerdings noch ein weiteres mal mit seinem guten Namen bezahlen:

Obendrein gibt es dabei Abenteuer, die man so nur auf Reisen erleben kann. Beispielsweise, wenn man halb verschlafen vor dem Check-in der US-Fluggesellschaft Delta-Airlines am Züricher Flughafen steht und sich auf die Leier amerikanischer Paranoia vorbereitet. So willkommen ich mich bisher bei jeder Einreise per Boot vorkam, so unwillkommen scheint der Reisende in den Staaten zu sein, wenn er per Flugzeug das Land ansteuert. Schließlich ist dies der Weg für Ausländer, Terroristen, Verbrecher und überhaupt allen ungewöhnlichen Individuen. „Wer hat das Gepäck gepackt? Wo hat sich das Gepäck über Nacht befunden? Wem gehört der Inhalt? Haben Sie Dinge darin, die als Waffe dienen könnten? Wieso fliegen Sie als Deutscher über Zürich? Warum fliegen Sie nach Kanada? Warum über New York? …“ Viele Fragen, die ich einem deutschen Grenzbeamten vermutlich zum Teil mit einem forschen „Warum wollen Sie das wissen?“ quittieren würde. Es sind persönliche Fragen, auf die ich von einem amerikanischen Customs and Border Protection Officer gefasst wäre, für den einfachen Angestellten einer Fluggesellschaft gehen sie zu weit. Ihm muss genügen, dass ich einsteigen will, weil ich dafür bezahlt habe. Weil mir seine Gesellschaft ein Flugticket verkauft hat, um mich von A nach B zu bringen.

Aber ich will mit, also muss ich mitspielen und gute Miene zu meinen unguten Gedanken machen. Von meiner Freundin erzählen, die in Zürich wohnt, von meinem Job, der mich um die Welt führt und von meiner Reise, die für ihn unwirklich und fremd zu klingen scheint. Es sind keine Geheimnisse, nur Dinge, die ich hier im Web ohnehin jedem mitteile. Nur mit dem Unterschied, dass ich hier freiwillig entscheide, was ich preisgebe und es dort in einem Verhör kundtun muss.

Meine Geschichte bietet viel Raum für seine Suche nach Unstimmigkeiten und es beginnt sogar Spaß zu machen. Meine Antworten: Ja, nein, weil … Keine Information mehr, als gefragt wurde. Mit jeder weiteren Frage werden die Antworten präziser. Ich habe Zeit, der Flug geht erst in zweieinhalb Stunden.

Die Überraschung folgt ganz zum Schluss. Vielleicht als „Rache des kleinen Mannes“, vielleicht, weil er mein Leben nicht verstehen kann, vielleicht auch einfach nur, weil meine Geschichte in kein Kapitel seines Handbuchs passt: „Nun noch eines: Sie haben keinen Rückflug gebucht, warum?“

„Ich habe das Boot in Kanada und werde damit das Land wieder verlassen.“

„Können Sie das beweisen?“

„Wie könnte ich das beweisen?“

„Ich brauche ein Dokument, das beweist, dass Sie dort ein Boot haben und damit ausreisen.“

„Was für ein Dokument wäre das?“

„Unterlagen, die Sie bei der Einreise bekommen haben zum Beispiel.“

„Man bekommt in Kanada keine Dokumente bei der Einreise ausgestellt. Nur den Stempel in den Pass (ich zeige auf das Büchlein in seinen Händen) und eine Registriernummer. Die wird nur diktiert und man muss sie sich selbst notieren.“ Der handschriftliche Eintrag in meinem Notizbuch macht erwartungsgemäß wenig Eindruck auf ihn.

„Kein Papier vom Zoll?“

„Nein.“

Gegenüber weiten sich die Pupillen, „Einen Moment bitte“. Er verschwindet, spricht mit jemandem, kommt zurück. Mit der Miene eines Jägers, der den größten Elch seines Lebens erlegt hat, sagt er: „Mein Supervisor meint, wir können Sie unter diesen Umständen nicht in die Maschine lassen.“ Das Gesicht spricht Bände: „Erwischt, hopsgenommen, aufgeflogen, Deine Geschichte stinkt und ich habe Dich zur Strecke gebracht.“ Und ich bin lange genug in den USA unterwegs, um zu wissen, dass das Urteil eines „Supervisors“ nicht in Frage zu stellen ist.

Das Blatt wendet sich. „Warum?“ kommt jetzt von mir. Seine Erklärung zeigt die Welt aus der Sicht eines Amerikaners, der im Auftrag seiner Firma in Zürich leben darf und mit vorauseilendem Gehorsam dem Großen Bruder in der Heimat keinen Anlass zu Beschwerden geben möchte. Ich verstehe das, diese Art Jobs sind rar: „Es könnte ja sein, dass Ihnen die Einreise verwehrt wird und dann müsste Delta Airlines Sie auf eigene Kosten wieder zurückbringen.“

„Ich könnte mir dann auch dort ein Ticket kaufen. Aber warum sollte man mir die Einreise überhaupt verwehren?“

„Dafür kann es viele Gründe geben. Wenn Sie heute mitfliegen wollen, müssen Sie jetzt ein Rückflugticket kaufen. Wir erstatten Ihnen das Geld, wenn Sie einreisen dürfen.“

Der Ton ist deutlich, lässt keinen Raum für Verhandlungen und ich muss heute einsteigen. Also nicke ich bedächtig: „Ok, ein Ticket in die USA müsste dann aber genügen. Ich habe in meinem Pass ein Visum für die Staaten.“

„Auch mit einem Visum brauchen Sie ein Rückflugticket aus den USA.“

„Es ist ein Class I-Visum und berechtigt mich, mich im Rahmen meiner Arbeit ununterbrochen bis 2015 in den USA zu bleiben.“

„Trotzdem bräuchten Sie für die Einreise ein Rückflugticket“

„Verstehe, für 2015 …“

Um es vorwegzunehmen: Der kanadische Grenzbeamte ist fast vom Stuhl gefallen, als ich ihm etwa zwölf Stunden später diese Geschichte erzählt habe: „Was sollen wir denn machen? Ihnen verbieten, Ihr Boot abzuholen? Der Officer hat bei Ihrer letzten Einreise im Computer notiert: Bis Anfang August Reise nach Europa. Geplante Route anschließend Richtung Lake Michigan zur Ausreise mit Boot in die USA im September.“

Flugticket Toronto-Zürich

Flugticket Toronto-Zürich

Bei Delta-Airlines hingegen war man unbeeindruckt von Beteuerungen, besteht darauf Dokumente zu sehen, die es schlicht nicht gibt. Keine Ausnahme auch am Ticket-Schalter, zu dem ich geleitet werde, denn „ich mache nicht die Regeln, ich muss sie nur befolgen“.

Das Ende vom Lied ist ein One-Way Ticket für den Folgetag. Ausgestellt von Delta Airlines für einen Flug mit Air France, zahlbar in 4.583 Kanada Dollar, 3.794 Schweizer Franken, rund 3.200 Euro! – Bleibt nur zu hoffen, dass die Rückbuchung auf die Karte vor der Abbuchung vom Bankkonto meiner Freundin erfolgt. Denn meine Mastercard scheiterte bereits am Tageslimit. Man kann eben tatsächlich nicht alles kaufen …

1 Kommentar

  • Klaus Wagner says:

    Hinnerk, das Erlebnis gehört nicht nur auf deinen Blog. Das muss weitest gestreut werden als Beispiel für US-Paranoia. Erst dachte ich, da käme eine Schilderung, über die ich lachen könnte, aber dann wurde es immer absurder.

    Vielleicht wachen die Amis ja auf, wenn irgendwann kein Tourist mehr kommt, um Geld in ihr defizitäres, von S&P abgewertetes Land zu tragen.