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von Hinnerk Weiler / am 21.08.2011 / in

Was zuhause lästige Routine ist, wird auf Reisen leicht zum spannenden Abenteuer. Das alljährliche Streichen des Unterwasserschiffs ist da keine Ausnahme. Zuhause lässt sich das gut mit der Winterpause vereinbaren, wenn das Boot ohnehin an Land genommen wird. Unterwegs aber gilt es, dafür erst einmal einen geeigneten Platz zu finden.

Nicht jede Marina erlaubt, Arbeiten selbst zu machen

Nicht jede Marina erlaubt, Arbeiten selbst zu machen

Für 2011 hatte ich mir für das dringend nötige Streichen den Hafen von Port Credit in der Nähe von Toronto, Kanada ausgesucht. Leider ein Reinfall: „Transients“, also Durchreisende, die an Bord leben, sind dort nur in vorherigen Telefonaten willkommene Gäste. Vor Ort erschwert dann das Fehlen eines „Surveys“ den Weg an Land. Ein solches Gutachten ist für Kanadier nichts besonderes und zum Abschluss einer Versicherung vorgeschrieben. Um an Land zu dürfen sollte ich so ein Gutachten über den Zustand meines Bootes vorweisen. Zu bekommen wäre das von dem zufällig ebenfalls im Hafen ansässigen Gutachter für die Kleinigkeit von 400 Dollar. Da mir auch sonst das Umfeld und insbesondere das Hierarchiegefälle zwischen Kunde (unten) und Angestellten (oben) hier nicht sonderlich zusagte, lehnte ich dankend ab und machte mich auf die Suche nach einer anderen Marina.

Aber wie findet man überhaupt eine Marina, in der man Arbeiten und gleichzeitig an Bord leben kann? Zwei Dinge helfen ungemein: Ein loses Mundwerk und ein Computer.

Die beste Quelle für Informationen über Häfen in der Nähe sind andere Skipper. Vorzugsweise Langfahrtskipper, und Menschen, die auf ihren Booten wohnen. Sie kennen die Gegend, wissen von hilfreichen Leuten. So bin ich in den Bahamas beispielsweise an einen Privatsteg gekommen, der mich in einem Monat so viel kostete, wie eine Marina in drei Tagen. Die zweite Möglichkeit, einen Hafen zu finden bietet natürlich das Internet.

Screenshot von Activecaptain.com

www.activecaptain.com

Das wohl aktuellste und umfangreichste Online-Hafenhandbuch für die USA und Kanada bietet derzeit die Webseite Active Captain. Als ich die Webseitenbetreiber Karen und Jeffrey Siegel in Charleston, South Carolina, traf, erzählten sie von mehreren hundert Updates täglich, in denen Skipper Preise korrigieren, Infrastruktur beschreiben und nicht zuletzt auch persönliche Eindrücke mitteilen.

Für eine erste Auswahl von Häfen ist das eine gute Grundlage. Dennoch ist der eigene Eindruck am Telefon, oder zumindest per E-Mail der entscheidende Faktor bei der Frage, wo es an Land geht. Das bloße Abchecken der Möglichkeiten reicht dabei nicht aus. Wichtiger sind Fragen, die einen Einblick in die Arbeitsweise und Flexibilität der Mitarbeite gebenr. Ob die Marina beispielsweise wirklich auf Durchreisende eingestellt ist, verrät die Fragen nach einer Leiter. Die Antworten hierzu variieren in der Praxis zwischen „kein Problem, haben wir“, „es gibt einen Baumarkt zwei Blocks weiter“ oder „kostet fünf Dollar pro Tag“. Zwischen den Zeilen bedeutet das dann: „Wir kümmern uns darum“, „Deine Probleme interessieren mich nicht“ und „am liebsten würde ich Dir schon diese Frage in Rechnung stellen“.

Aber Vorsicht auch vor allzu unkomplizierten Darstellungen. In Nordamerika ist das Aufsummieren von für sich genommen günstigen Preisen eine übliche Praxis. Anders als in Europa ist eine Unschärfe bei diesen Preisen üblich. Für die Marinabetreiber ist das ein Mittel, die Brieftasche des neuen Kunden abzuschätzen: Wer nach jedem Einzelpreis fragt, ist in diesem Sinne als „Knapp bei Kasse“ einzuschätzen. Außerdem sind alle Preise grundsätzlich ohne Steuern angegeben und Steuersätze variieren je nach Staat zwischen 10 und 25 Prozent.

So war zum Beispiel eine andere Marina im Zentrum Torontos durchaus bereit, mich aufzunehmen. Die Frage nach den grob zu erwartenden Kosten aber wurde eher undurchsichtig beantwortet: Für einen Monat an Land wären es laut der E-Mail rund 10 Dollar pro Fuß Bootslänge gewesen. Dazu kämen dann einmalig 300 Dollar für das Raus- und wieder Reinkranen und 8 Dollar für den „Ständer“. Was auf Website und nicht in der Mail stand: +19 Prozent Steuern, +15 Prozent des Monatspreises für jedes Rangieren auf dem Gelände (also 2x) und die 8 Dollar verstehen sich pro Ständer. Für Segelboote sind laut Webseite mindestens fünf Stützen zu mieten. Die Nachfrage, ob meine Rechnung der Realität näher kommt, als das Angebot in der Mail.

Paulinchen an Land unter einer Plane

In Kanada müssen Boote selbst zum streichen komplett mit einer Plane umschlossen sein

Ein Gegenbeispiel war der Hafen von Port Dalhousie nahe St. Catharines, wo ich dann auch das Boot an Land nahm: Festpreis, freundliche Mitarbeiter, die alle Fragen schnell beantworten. Das Vokabular scheint sich auf „Haben wir“, „Besorgen wir“ und „Kümmere ich mich drum“ zu beschränken. Da ich die vereinbarte Zeit an Land um gut einen halben Monat überschritten habe, kamen am Ende noch einmal 125 Dollar dazu. – Das ist nur fair. Die bürokratischen Hürden beschränkten sich auf eine ebenso nachvollziehbare Frage nach der Police für die Haftpflicht des Bootes.

Kriterien für eine Marina zum Arbeiten
1. geeigneter Kran, bzw. Travellift
2. Schiffsausrüster in Reichweite
3. transparente Preisstruktur, Festpreise
4. Ideal ist ein Hafen, in dem es einige Liveaboards gibt
5. Strom und Wasser dort, wo das Boot an Land stehen wird
6. Sanitäre Anlagen zugänglich

Wichtig für das Arbeiten am Boot ist vor allem ein Schiffsausrüster in der Nähe. Sofern nicht bereits auf der Webseite davon berichtet wird, lohnt sich daher auf jeden fall die Frage danach in der E-Mail oder dem Telefonat zu stellen. Ein kleiner Shop mit eigener Werkstatt und begrenzter Auswahl ist dabei aus meiner Sicht der supermarktähnlichen Filiale einer Kette vorzuziehen. Denn was nicht vor Ort ist, müssen und können beide in der Regel innerhalb von 24 Stunden beschaffen. Der kleine Laden ist aber häufig flexibler, da er nicht nur auf den Katalog seiner Kette beschränkt ist. In Amerika wird das vor allem wichtig, wenn es um Ersatzteile geht, die statt in Inch und Zoll in Millimetern bemessen sind. Nicht zuletzt ist der Kleine statt mit einem „muss ich bestellen“, auch mit „lass das mal bis morgen hier. Das schweiß ich Dir heute Nachmittag“ zur Stelle. Das spart über die Zeit eine bares Geld.

 

von Hinnerk Weiler / am 19.08.2011 / in
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