Zum ersten Mal spiele ich mit dem Gedanken, das Boot aufzugeben

von Hinnerk Weiler / am 14.03.2011 / in Bahamas

Im Grunde bin ich ja glücklich nach dieser Nacht. Immer wieder habe ich davon geschrieben, dass man sich nicht auf einen „knappen“ Wetterbericht verlassen sollte.

Hier sitze ich nun an Deck, zwei Uhr nachts, hundemüde. Dreißig Meter hinter mir donnert rund ein Meter See gegen schroffe Vulkanfelsen. Vor mir steigt der Bug mit jeder Welle auf, knirscht die straffkommende Ankerleine beim Einrucken in die Klampe. Keine Frage, der kurze Kettenvorläufer kommt jedes Mal komplett steif. Das sollte nicht sein, das war nicht geplant, das war so nicht vorhergesagt. – Aber Meckern nützt nichts, es ist so.
Der erste Anker hat sich bereits vor einer halben Stunde aus dem Grund verabschiedet. Das mehr oder minder rhythmische Knirschen seiner Leine auf der Klampe blieb auf einmal aus, fast zeitgleich setzte der Ankeralarm ein. Das war abzusehen, eigentlich sogar geplant. Immerhin ist der Klappanker normalerweise für das Dingi gedacht und an nur zwanzig Metern Leine ohne Kette geschäkelt. Er sollte das Boot eigentlich nur fixieren, während ich am Nachmittag die großen Anker auf den kommenden Starkwind vorbereitet hatte. Ihn drinnen zu lassen ist Faulheit, die sich diesmal auszahlt: „Der kommt nachher eh raus, dann kannst Du ihn ohne Mühe einholen und als Reitgewicht auf den anderen schäkeln“.
Jetzt kommt alles auf Anker Nummer zwei an. Der ist ganz im Gegensatz zum ersten für mein Boot eher zu groß. Er hat allerdings nur zehn Meter recht leichte Kette als Vorlauf. – Und er ist im rechten Winkel zur momentanen Windrichtung eingefahren. Nicht gerade ideal, wenn die Kette immer wieder ruckend steif kommt.
Mein Ankerplatz in dieser Nacht ist mal wieder die kleine Bucht im Süden von Rose Island. Der Insel, hinter der ich gut ein Drittel der vergangenen fünf Monate Bahamas verbracht habe. Ein traumhafter Ort, um vor den sogenannten Nordern und manchmal auch vor der Zivilisation in Deckung zu gehen.
Ein Norder ist eine Störung des recht zuverlässig aus Nordost wehenden Passat. Er entsteht, wenn vom amerikanischen Festland ein Tief in den Atlantik wandert und seine Kaltfront über die Inseln zieht. Einheimische erzählen, dass das in diesem Winter öfter als sonst der Fall war. Es soll an El Niño gelegen haben, der nun im zweiten Jahr zu bleiben scheint.
Ob ungewöhnlich oft, oder nicht, das Muster dieser Störungen ist eigentlich immer gleich: Der Nordost nimmt ab und dreht langsam auf Süd. Am nächsten Tag nimmt er wieder zu und dreht weiter recht. Mit Eintreffen der Front sind es üblicherweise um die 20 Knoten aus West. Und anschließend bis zu 40 Knoten aus Nordwesten. Weitere sechs bis zwölf Stunden später ist der Spuk vorbei und es weht wieder aus Nordosten. – Eine Wettervorhersage, von deren beständiger Zuverlässigkeit man in der Ostsee nur träumen kann.
Gribfiles und Wetterbericht im Funk waren sich auch heute einig: schwachwindig um sieben Knoten aus Südosten, abends südwestdrehend und ab Mitternacht 20 Knoten aus Westen. Das wird ein bisschen unruhig, aber nur kurz. Schon zum Sonnenaufgang bin ich wieder in der Abdeckung der Insel, wenn der Wind aus Nordwest kommt.
Rose Island ist rund 20 Meter hoch und bietet Schutz von Nordwesten bis Nordosten. Ein Riff und vorgelagerte Inseln ziehen sich als Wellenbrecher im Halbkreis weiter, bis nach Südwesten und lassen nur eine überschaubare Lücke. „Little Harbour“, wie die Einheimischen den Ankerplatz nennen, ist ideal. Bei Nordern, und bei normalem Passat.

„Theorie“, um es einfach zu sagen. Jetzt ist es noch eine gute Stunden bis Mitternacht und weht bereits mit dreißig Knoten aus Südosten. Ein weißer Streifen Gischt leuchtet ins Schwarz der wolkenverhangenen Nacht über den Riffs. Wie dankbar kann man diesen Steinen sein? Ohne sie wäre die See hier sicher doppelt so hoch.
Der Plan war, wie so oft zu Beginn einer Katastrophe, gut. Ein schwerer Anker nach Nordwesten und, falls der Wind etwas früher zulegt, ein weiterer nach Südwesten. Nur der kleine Anker nach Osten, der das Boot auf kleinem Schwojkreis im schwachen Wind gehalten hatte und dem keine weitere Aufgabe zugedacht war.
Anker Nummer Zwei scheint zu halten. Trotzdem, der Motor läuft schon eine ganze Weile, wenn er es sich anders überlegt, muss es schnell gehen.
So schnell, dass unter Deck Papiere, Fotoausrüstung und Laptop in wasserdichten Taschen liegen. Jeweils mit einer Rettungsweste und zehn Metern Leine daran. Zum ersten Mal auf dieser Reise spiele ich ein Aufgeben des Bootes gedanklich nicht nur als theoretische Übung durch.
Der Ankergrund ist hart. Für den Anker bedeutet das kein langsames Schlingern durch den Schlick, sondern einfach nur im Grund oder nicht. Für das Boot bei diesem Wind: Stehen oder vier Knoten Drift nach Lee. Dreißig Meter zu den Felsen sind keine Entfernung.
Wenn das passiert, gibt es nur einen Versuch. Autopilot an, Vollgas, aufs Vorschiff gehen, Anker loswerfen, zurück an die Pinne. Zum Aufholen der Anker bleibt keine Zeit. An die Enden der Leinen ist daher schon ein Bleigewicht angebunden. So gehen sie sicher unter, bevor ich sie mit der Schraube erreiche. Dann heißt es in finsterer Nacht dem GPS Track von der Ankunft aus der Bucht folgen. Ohne Anker kann ich erst am Morgen bei weniger Wind und Licht zurückkommen. Geht irgend etwas schief, fliegen die Taschen ins Wasser. Sie sind zu schwer, um abzutreiben, und die Rettungswesten dienen als Markierung. Ich selbst würde in den flachen, geschützteren Teil der Bucht schwimmen.

Auf einmal geht der Ankeralarm erneut los. Gebannt starre ich zwischen den Umrissen der Felsen in der Finsternis und dem Display des GPS hin und her. Ein Blick auf den Kompass bestätigt, was ich sehe: Ich wandere. Jedoch nicht nach Norden, sondern nach Osten.
Der Winddreher kommt fast sechs Stunden später als angesagt und ihm gingen über zwanzig Knoten mehr als prognostiziert voraus. Jetzt dauert es nur eine halbe Stunde, bis sich der Südwest einstellt. Noch zwei Stunden rollt das Boot in Kreuzseen. Mir ist das egal. In dieser Richtung halten die Anker. Ich schlafe im Gang auf den Bodenbrettern.

Paulinchen vor Rose Island

Paulinchen vor Rose Island

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