Jammerkasten im Paradies

von Hinnerk Weiler am 10.12.2010 / in Amerika

Die Flucht vor dem Winter ist schon seit Wochen vorüber. Statt Schneeflocken färbt feiner Korallensand weiße Strände. Wenn hier jemand in den täglichen Funkrunden von Mistwetter spricht, meint er damit, am Abend einen Pulli über dem T-Shirt tragen zu müssen. Oder, so wie am nächsten Wochenende, den Durchgang einer Front. Die Regenwahrscheinlichkeit steigt darin auf über dreißig Prozent. Bis zu vierzig Knoten Wind sollen es dabei in Böen werden.

Die Bahamas vermitteln einen ersten Eindruck von der wechselhaften Karibik. Den zu verarbeiten, fällt schwer. Insbesondere, wenn man ihn noch nie vor sich hatte. Das Fehlen von Schubladen erdrückt für eine Weile die Fähigkeit, zu beschreiben. Ganze Schränke müssen dafür erst neu angelegt werden: Rose Island, unweit Nassaus, wird meine Schreinerei. Es ist felsig, strotzt vor Grün und ist dennoch karg. Die Gemeinsamkeiten mit Schwedens Schären sind damit aber auch schon aufgebraucht. Das Gestein ist scharfkantig, nicht glattgeschliffen. Die Vegetation besteht überwiegend aus großen, dicken und spitzen Blättern statt der skandinavischer Kiefern.

Der Weg zum ersten Besuch auf der Insel war schweißtreibend: Im Slalom ging es dabei, jede farbliche Veränderung am Grund umfahrend, mit zweieinhalb Knoten voran. Mittlerweile haben die Farben des kristallklaren Wassers eine Tiefe. Das Türkisblau garantiert sichere Passagen. Diffuse, leicht dunklere Flecken sind am Boden liegende Steine oder Grasfelder. Scharfkantige schwarze Flecken allerdings muss man umfahren. Es sind Korallenköpfe, die oft dicht an die Oberfläche ragen. Wird es flacher, wird die Wasserfarbe heller. Doch darauf lässt man es mit 1,70 Meter Tiefgang ohnehin nicht ankommen. Gelbe oder sogar fast weiße Wasserflächen bleiben bestenfalls dem Dingi vorbehalten.

Im Kontrast zu den Bildern vom Festland scheint es hier unendlich hell zu sein. Eine Helligkeit, die Lust aufs Hinschauen macht. Stundenlang, jeden Tag und immer aufs Neue. Sie schafft extreme Kontraste und setzt sich ganz unbemerkt in der Seele fest.
Ich nutze meinen Winter hier wie geplant zum Schreiben. Seit zwei Wochen abwechselnd im Hafen von Nassau vor Anker und am Ankerplatz vor Rose Island. Während die Einsamkeit der Insel die Arbeit eher beschleunigt, ist Nassau vom unter Cruisern als „Bahamian Pace“ bekannten Lebensrhythmus erfüllt. Das ist dieser Takt, den man aus vielen Beschreibungen der Karibik kennt und der auf den ersten Blick vor allem eines erscheint: langsam. Zu Vergleichen ist er mit einem gemächlichen Walzer, der früher oder später jeden Fuß erfasst und zu einem Auf und Ab zwingt. Auch der Bahamian Pace fängt seine Zuhörer ein und umhüllt sie ebenso mit Leichtigkeit.
Für mich ein riskanter Takt. Nach fast 8.000 Seemeilen, die ich meist allein an Bord zurückgelegt habe, kenne ich mich gut genug. Im Moment bin ich anfällig für Leichtigkeiten. Darum ist Rose Island auch die bessere Wahl für einen Aufenthalt. Das verrät eine ohnehin desaströse Kreditkartenabrechnung und eine recht lange Liste von „Mach ich später“ auf der To do Liste.

Die Lust am Instandhalten von Boot und Ausrüstung ging vor der Ankunft hier verloren. Während Eile sich mehr mit Zwangspausen als mit Ausruhen abwechselte, wurde das Segeln beinahe zur Last. Jetzt kommt diese Lust zurück. In kleinen Happen, in denen längst lose Schrauben festgedreht und Provisorien zu Reparaturen werden. Doch der Schreck des kurzen „Sich gehen Lassens“ sitzt tief: Der Traum vom freien Leben unter Segeln schien ausgeträumt, dem Alltag gewichen. An seine Stelle trat eine Abhängigkeit von Wetter und maroder Technik. Beides ließ mich wie auf Kohlen sitzen, während ich gelähmt war von der Notwenigkeit voranzukommen.
„Der geduldige Segler hat immer den passenden Wind“, schrieb mir Bert von der SY Heimkehr in einer Mail. Sie erreichte mich, als gerade das letzte Fünkchen dieser Geduld dabei war, abhanden zu kommen. In den Sümpfen North Carolinas, fluchend und grollend wie ein Smeargol inmitten karger Stümpfe und mückenverseuchter Schilfstreifen. Fast froh, dass der Wind eine Weiterfahrt unmöglich machte und wenigstens als Zielscheibe für meine Wut herhalten konnte.
Autark zu sein und nur für mich Verantwortung zu tragen, klang nach einem Leben in genzenloser Freiheit. Der jedoch steht in der Realität eine Menge entgegen: Zuweilen exorbitante Hafengelder, Behördenauflagen, unsinnige Ausrüstung, die nur erforderlich ist, um noch höhere Strafen bei einer Kontrolle zu vermeiden … Die Liste endet nicht zuletzt bei teuren Lebensmitteln in den USA.

Trotzdem bleibe ich davon überzeugt, dass man diese Reviere auch mit kleinem Budget bereisen kann, wenn man bereit ist zu verzichten. Die Bahamas lehren diesen Cruising Stil, der reduzierter und einfacher ist als in den USA und Europa. Mir bleibt nur zu lernen. Schneller und mehr als bisher. Fast paradox scheint dabei, dass die Umsetzung hier dabei mehr denn je nach Dauerurlaub aussieht. Flankiert von Arbeit, der ständigen Sorge um Ankerplätze, Boot und Ausrüstung. Das Schreiben hält mich über Wasser, für mehr reicht es im Moment nicht. Aber die Währungen der Reichtümer des Lebens unter Segeln heißen bekanntlich Zeit, Spontanität und Unabhängigkeit.
Doch ohne Dollar und Euro geht es auch hier nicht. So fordert dieses Leben zuweilen, sich selbst auf den Boden der Tatsachen zu stellen. Denn das kristallklare Wasser vor Rose Island holt im Schlamm des Hudson und unter den Sandbänken der US-Küste vergrabene Ängste und Sorgen zurück: Wie schnell steht dieses Projekt auf der Kippe? Ein Defekt am Motor, ein Riss im Segel würden im Moment reichen. Das manchmal lax dahingesagte „Koje frei bis Feuerland“ ist spätestens seit New York zu einem „Mal sehen, wann es nicht mehr geht“ geworden.

Angekommen an einem Punkt, an dem die Zukunft der Reise ungewisser ist, als je zuvor, schleicht sich der Gedanke ans Umkehren als steter Begleiter ein. Der Griff nach der Sicherheit der Heimat klingt verlockend und die Bahamas sind ein idealer Ausgangspunkt, um im nächsten Frühling Kurs auf Europa zu nehmen. „Frühzeitiges Ziehen von Konsequenzen“ redet sich dieser Gedanke selbst schön und verkauft sich als Weg, um ein Scheitern zu vermeiden. Doch ich erkenne ihn wieder. Beim letzten Mal sagte er: Fahr nicht los, da draußen ist es gefährlich und du könntest scheitern. Was aber wäre mehr Scheitern als umzukehren?

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