Cross-Golf

von Hinnerk Weiler am 16.11.2010 / in Amerika
Gebrochenes Vorstag

Gebrochenes Vorstag

Fünf Tage Atlantik, langsames Rollen in alter Dünung, gepeitscht von 20 bis 30 Knoten frischer Windsee. Die Überfahrt von Beaufort nach Nassau wurde zum „Just in Time“-Segeltrip. Ein Zustand, den man auf See eigentlich vermeiden möchte.
Zwei Tage vor dem Auslaufen liege ich noch am Dock in Beaufort. Segelmacher Paul Lockwood hilft beim Montieren des neuen Vorstags. Der Draht ist das kleinste Problem: Mit Stagreitersegeln wäre ich bereits seit einer Woche auf dem Weg nach Süden. Aber ich habe eine Rollanlage. Die war bequem, praktisch und handlich. – Bis sie Ärger machte. Das Vorstagprofil ist beim Bruch des Stages abgeknickt. Ersatzteile scheinen in den USA bestenfalls noch in segelaffinen Museen auffindbar zu sein. Doch ich habe Glück im Unglück.
Paul sträubt sich etwas, versucht mir kurz eine neue Anlage schmackhaft zu machen. Aber mein Budget gibt nach Monaten in den teuren USA und einer Reihe unerwarteter Reparaturen die 1.800 Dollar nicht mehr her. Mit einem Haufen defekter Teile verschwindet er in seiner Werkstatt und stürzt sich in Kramkisten und Schubladen. Es scheint, als würde die Reparatur für ihn zur Frage der Ehre werden.
Gegenüber versuche ich im Strandsand, die noch brauchbaren Profilteile geradezubiegen. Zwei Tage später kommt sein Anruf: „Ich habe alles.“ Ein buntes Sammelsurium aus Verbindungsstücken, Schrauben und Reststücken von Profilen. „Ich möchte allerdings klarstellen, dass ich für diese Reparatur nicht verantwortlich sein will“, betont er. – Verständlich im Lande von Klagen und Gegenklagen. Aber ich will keine Gerichtsverhandlungen, sondern eine funktionierende Rollanlage.
Anstelle des originalen Walzterminals von Harken montieren wir ein Norseman-Terminal, dann setzen wir Stück für Stück die Anlage zusammen.

Hinnerk Weiler wieder auf See, Kurs Bahamas

Hinnerk Weiler wieder auf See, Kurs Bahamas

Vier Mal klettere ich mit meinem Top-Climber in den Topp, dann sitzt alles an Ort und Stelle. Nebenbei erklärt er mir im Detail, wie es seiner Meinung nach zu dem Bruch gekommen ist: „Schrauben und Verbindungselemente sind nicht geklebt gewesen.“ Für Rollanlagen hat er einen Leitspruch: „glue and screw“. Denn das Schlagen der Segel beim Aufwickeln der Genua und in den Wenden lockert früher oder später jede Schraube. Dadurch ist vermutlich auch die oberste Fixierung im Profil so weit nach unten gerutscht, dass das Stag eine Kerbe ins Aluminium schleifen konnte. – Darin hat es sich dann beim Aufwickeln festgeklemmt. Draht für Draht ist so über die Zeit oben im Topp gerissen. Die letzten Meilen auf dem Weg nach Beaufort gegen 20 Knoten Wind hing das ganze Rigg vermutlich bereits am seidenen Faden.

Aufbruch

Schnelles Segeln auf dem Weg Richtung Nassau

Schnelles Segeln auf dem Weg Richtung Nassau

Die USA verlasse ich am Montagmorgen ganz unspektakulär. Laut Auskunft bei der Custom Broder Protection in Morehead City genügt es zum Ausklarieren, einfach den weißen Zettel von der Einreise im Marinabüro zu lassen. „Wir holen den ab, wenn wir das nächste Mal dort sind“. Der Akt passt in mein Konzept. Kein Stempel, keine Endgültigkeit. Ich verlasse die USA nur auf dem Papier, nicht im Geiste. Es ist kein Aufbruch in ein neues Land, sondern ein Urlaub. Eine Unterbrechung für den Winter, die in der Morgendämmerung, bei sechs Grad, in Wollpullover, Winterjacke und mit Handschuhen beginnt.
Sofern sich das Wetter an die Vorhersagen hält, wird es ein ruppiger Ritt nach Süden. Mit Wind in Böen bis sieben Windstärken und der Aussicht auf kurze Gewitter. Südlich von Nova Scotia steht „developing storm“ im Wetterfax. Der wird noch verstärkt von einem Tief, das von den Bahamas dort hinauf zieht. Von dort kommt der Wind und vermutlich auch eine lange Dünung aus Norden. Von achtern – und mit jeder Meile wird es hoffentlich wärmer werden.
Die Tide spült mich mit 7 Knoten durch den Beaufort Inlet auf den Atlantik. Die Genua rollt heraus und besteht ihre erste Belastungsprobe nach der Reparatur. Am Mast steigt das Groß auf und mit dem Einhängen der Windsteuerung beginnt das Seesegeln. Kurs 202 Grad. Dort liegt in etwas mehr als einhundert Meilen der Punkt, an dem ich voraussichtlich in den Golfstrom eintrete.
Wettervorhersagen und die aktuelle Lage des Stromes bekomme ich von Herb. Täglich versorgt er mich im Funknetz Southbound II auch auf diesem langen Schlag um 19 Uhr UTC mit Neuigkeiten.
Noch vor Sonnenuntergang ist das zweite Reff eingebunden und die ersten Böen erreichen die 30 Knoten Marke. Es dauert eine Weile, bis ich mich nach Wochen in Flüssen und Sümpfen wieder „eingeschaukelt“ habe. Unruhig und nervös verbringe ich fast die komplette erste Nacht an Deck. Nass von Gischt und Wellen, die bei halbem Wind ununterbrochen ihren Weg über den flachen Süll ins Cockpit finden. Aber das Wasser wird wärmer, erreicht ab Mitternacht locker Badewannentemperatur. Die Belohnung für die Knüppelei: Geschwindigkeiten deutlich jenseits der sechs Knoten. Paulinchen rennt, als wüsste sie, wie knapp das Timing bei diesem Törn ist. Über fünfhundert Meilen sind es bis Nassau, in fünf Tagen landet Kinga dort per Flugzeug. Aber Termine gibt es schon vorher: Auch für den Golfstrom habe ich ein recht enges Fenster. Einen halben Tag Spielraum: Dann soll der Wind langsam von West auf Nord drehen und wird den mit zwei Knoten fließenden Golfstrom vollends zur Waschküche aufwühlen.
Noch vor dem Morgengrauen ändert sich der Kurs auf dem GPS von 200 auf 150 Grad. Gerade auf dem Weg zur Windfahne werfe ich noch einen Blick auf den Kompass. – Unverändert. „Schon da?“, frage ich halblaut den Atlantik. Wie ein bestätigendes Nicken wird die See ein wenig ruhiger. Querströmung, Golfstrom. 30 Meilen zu früh schiebt er mich aus dem Kurs. In seiner ganzen Pracht und Gewaltigkeit kommt einwenig Ernüchterung auf. Ohne GPS hätte ich die „Western Wall“ vermutlich erst beim nächsten Positionsfix bemerkt.
Handicap

Gischt und Wellen finden immer wieder ihren Weg ins Cockpit

Gischt und Wellen finden immer wieder ihren Weg ins Cockpit

Beeindruckender und vor allem besorgniserregender ist der Druck, den ich im linken Knie einige Stunden später spüre. Ein Gefühl, das ich von einer Entzündung vor Jahren erinnere. Damals schwoll das Knie innerhalb von drei Tagen an und wurde nahezu unbeweglich. Keine Aussichten, auf die man sich mitten auf dem Atlantik freut. Die Bordapotheke hält allerlei Schmerzlinderndes und auch entzündungshemmende Medikamente bereit, von daher mache ich mir keine wirklichen Sorgen. Der Verlust der Beweglichkeit an Deck ist schon eher beängstigend. Mit zunehmendem Knie-Umfang binde ich, bereits deutlich langsamer als sonst, vorsichtshalber das zweite Reff ins Groß. „Better Safe than sorry“, sagen die Amerikaner oft. – Aber was ist „Safe“ und was ist „Sorry“ in diesem Fall? Das Gefühl sagt: schnellstmöglich an Land. Aber ich entscheide mich für einen Knoten weniger Fahrt. Das verlängert die Reise sogar. Aber es scheint vernünftiger, als das Risiko später bei zunehmendem Wind oder einem Gewitter einen schmerzhaften Tanz auf einem Bein am Mast vollführen zu müssen.
Die Schwellung erreicht nach drei Tagen ihren Höhepunkt. Kaum mehr als 10 Grad lässt sich das Bein schmerzfrei bewegen. Darauf stehen ist unmöglich. Aber die frühen Medikamente bremsen die Entzündung zumindest ab. Wenn auch mit schmerzen, bleibe ich Herr der Lage an Bord. Regelmäßig humple ich zur Luke, um Ausguck zu halten. Es geht alles langsamer, aber es geht. Eine Halse dauert rund 10 Minuten. – Das Segeln wird zum sehnlichen Warten aufs Ankommen.

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