Zivilisation

von Hinnerk Weiler / am 15.07.2010 / in Amerika

Begleitung der letzten Tage

„Hallo Kanada“, murmele ich in Richtung Dämmerung vor uns. Den ersten Blick auf die Zivilisation der „Neuen Welt“ stellt ein Tannenbaum mitten im Wasser dar. Eine einsame Bohrinsel südlich von Sable Island leuchtet als Außenposten in den sich auflösenden Nebel. Auf der Karte (Stand 1/2010) ist davon nichts zu sehen. Aber das Land in der Nähe ist, verriet neben der Karte schon tagsüber der einfache Blick ins Wasser. Aus dem tiefen Blau einiger tausend Meter Wassertiefe ist das leuchtende Türkis einer flachen Lagune mit sandigem Grund geworden. Rund dreißig Meter unter uns ist das Meer schon wieder zu Ende.

Bis heute Mittag wurde noch auf der Imray Seekarte 100 navigiert. Etwa Din A1 groß deckt sie den nördlichen Atlantik ab. Europa bis Afrika auf der einen Seite, Brasilien bis zur Nordwest-Passage auf der anderen. Dazwischen traumhafte Ziele: Azoren, Kanaren, Kapverden, Bermuda, Karibik. Für die meisten Skipper nicht in dieser Liste enthalten ist Nova Scotia, die kleine Halbinsel im Osten Kanadas. Obwohl landschaftlich sehr reizvoll schrecken das Klima, der dauernde Nebel und die zahlreichen Untiefen viele Segler davon ab hier einen Stopp einzulegen. Auch wir sind noch nicht wirklich angetan von diesem Ziel. Im Anschluss an die Nachrichten der Deutschen Welle werden für Deutschland dreißig Grad angekündigt. Wir tragen Ölzeug und Fleecejacken über langen Unterhosen und dicken Socken. Das Verlassen des Golfstromes erscheint uns wie eine Mauer: Nasse Kälte in Form von Regen und Nebel. Tage im gleichförmigen Grau zwischen Sonnenauf- und -untergang. Die einzige Abwechslung bildet das dumpfe Brummen der Nebelhörner irgendwo passierender Tanker und Containerfrachter.

Der Maßstab unserer Karte macht die Bleistiftkreuze, mit denen ich die Position markiere, auf nicht viel mehr als zwanzig Meilen genau. Mehr gibt es erst auf der „Detailkarte“, die ich im Kartenfach finde. Etwa gleiche Abmessungen, deckt sie den Bereich von Neufundland bis Long Island ab. Halifax ist nicht mehr nur ein Punkt, sondern mit groben Umrissen in einem Fjord markiert. Ein Fleck, etwa fünf Kilometer im Durchmesser. Bis etwa zehn Meilen davor eine blaue Fläche mit sehr wenigen Tiefenangaben. Die Farbe verrät nur: Weniger als zehn Faden Wassertiefe überall. Also irgendwas zwischen sehr seicht und fast zwanzig Metern Tiefe. Zur Not werden wir „Halifax Traffic“ anfunken und um etwas Hilfe bei der letzten Ansteuerung bitten müssen. Im Hafen gibt dann das „Handbuch für den atlantischen Ozean“ zumindest grob die Liegemöglichkeiten für Sportboote wieder. Dass ich mein Ziel um knapp 900 Meilen verfehle hätte ich nicht gedacht. Die Detailkarten der geplanten Ausweichhäfen Bermuda, Norfolk und Newport jedenfalls werde ich wohl als „Neuwertig“ zu verkaufen versuchen.

Von Steuerbord kommt ein Frachter, streng genommen müsste er ausweichen. Gesunder Menschenverstand lässt mich nicht darauf bestehen, aber trotzdem habe ich mir angewöhnt zu fragen, ob ich gesehen wurde: „Vessel in Position…“, etliche Anrufe im UKW bleiben unbeantwortet. Es wäre schön das Schiff mit Namen anzusprechen, aber das Display vom AIS bleibt noch immer stromlos dunkel. Irgendwann meldet sich jemand von der nahen Bohrinsel, liest mir den Namen des Schiffs von seinem AIS-Empfänger vor. Noch immer keine Antwort, aber die Topplichter verraten einen Kurswechsel. „Da fühlt sich wohl einer ertappt“, denke ich.

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