Die andere Seite

von Hinnerk Weiler / am 14.07.2010 / in Amerika

Rückblende – 40 Knoten Wind, brausende Brecher und harte Schläge beim Sturz in tiefe Wellentäler. Auch das ist Atlantiksegeln. Dank Kurzwellenfunk, Wetterfax und Grib-Files erreichte uns das alles nicht unerwartet, trotzdem kam es plötzlich. „You will go through heavy conditions fort he next 24 hours“, hatte uns Herb Hildenberg im Funknetz Southbound II am Abend gewarnt. Sein Vorschlag: Nordwestkurs. Aber 43 Grad Nord sollten wir wieder in „moderate conditions“ kommen.

Wellen  mit Schaukämmen auf dem Atlantik, kurz bevor wir entscheiden nach Halifax abzudrehen

Unruhige Nacht

Hätte ich einen Windmesser im Topp, ich hätte den Wind beim Zunehmen beobachten können. Aber auch ohne lässt sich die Windgeschwindigkeit gut an den Segeleigenschaften ablesen. Vor allem, wenn die einzelnen Stufen innerhalb einer Stunde kommen: 10 Knoten, flottes und schönes Segeln. 15 Knoten, die ersten Spritzer auf dem Vordeck, man könnte darüber nachdenken ein Reff einzubinden. 20 Knoten, wir sparen uns das erste und gehen gleich ins zweite Reff. 25 Knoten, Genua einrollen, die bereits seit gestern angeschlagene Stagreiter-Fock hissen. 30 Knoten, immer öfter segeln wir durch die steile See und nicht darüber…

Wir sitzen unter Deck, Schotten dicht und warten was kommt. Bis 40 Knoten hatte uns Herb für die Nacht versprochen. Was wir nicht erwartet hatten: Die Katastrophe danach.

Fehler Nummer eins ist eine Unachtsamkeit aus Bequemlichkeit. Ein etwa halb geöffnetes Schiebeluk, gut geschützt von der Sprayhood und nach zwei Tagen drückender Schwüle die einzige Chance für frische Luft unter Deck.

Paulinchen liegt weit nach Steuerbord, ein Klatschen am Bug, das Rauschen von viel Wasser über dem Deck. Sturzbachartig fällt der Ozean in der Kajüte ein. Ein Schwall Seewasser, durch die Lage des Bootes direkt nach Steuerbord über den Navi-Platz. Auf die Fototasche, in das offene Notebook, über das Schaltpaneel. Lampen beginnen wirr zu blinken, man riecht Strom an den falschen Stellen fließen. – Kein Moment zum denken, ein Fluch und dann ein Satz ins Vorschiff, Hauptschalter aus. Kojenbezüge werden zu Handtüchern. Das Paneel geöffnet, hier und da einige Kontakte getrocknet. Meine nasse Fotoausrüstung findet ein Zuhause zwischen Torstens T-Shirts im Schapp. Nach einer halben Stunde der Test: Strom an – sieht gut aus, riecht nicht. Immerhin Funk, See-me und die Dreifarbenlaterne sind wieder im Geschäft.

Ich schlüpfe ins Ölzeug und klettere an Deck. Die Stille des Ozeans der letzten Tage ist verwunden. Lärm beherrscht die See. Fast querab kommt Welle für Welle. Gestern noch Schauspiel, reitet das Meeresleuchten jetzt drohend in den Schaumkronen. Ein Fenster aus der Sprayhood ist herausgerissen. „Ach ja, die Nähte waren auch schon etwas morsch“, erinnere ich mich und sende einen kurzen Gruß an Henk: „Jepp, man ist immer selber Schuld“. Die Zeit für das dritte Reff ist auch längst vorbei. – Die Winsch in Lee bleibt unter Wasser. Also an den Mast, Segel einpacken. Fock allein genügt vollkommen. Beim zusammenbinden des Groß fingert der Atlantik kniehoch um meine Beine. Vergeblich. Und selbst wenn: Eine Lifeline im Strecktau und eine zweite am Unterwant geben ein gutes Gefühl.

Zurück im Cockpit will ich erleben was mir das Wetter bietet und außerdem für alle Fälle bereit sein. Statt zurück unter Deck zu klettern lege ich mich vor den Niedergang und beobachte die Wellen und die Reaktionen des Bootes. Die beau-fort macht ihren Job. Immer wieder platschen Wellen ins Cockpit, füllen die Wanne halb auf und es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis das Wasser durch die Lenzrohre verschwindet. Das Boot dreht dabei nach Luv, das Vorsegel beginnt für eine Sekunde zu knattern, dann bringt uns die Windsteuerung wieder auf Kurs. „Hätte auch unter Deck warten können, P. schipperte trotz allem fast unbeeindruckt durch die See“, steht am nächsten Abend im Logbuch. Nur die Blöcke der Steuerseile knarren etwas mehr als sonst. Die 40 Knoten schaffen wir locker, acht Beaufort. Da darf das passieren. Um es etwas trockener im Cockpit zu machen und das Rollen zu reduzieren gehe ich etwas höher an den Wind 300 Grad über Grund, 7,5 Knoten – Tapferes kleines Boot. Macht bei diesen Bedingungen mit leicht vorlichem Wind noch eine bessere Figur, als bei fünf Windstärken von achtern.

Morgengrauen, unter Deck ist alles feucht, mein Ölzeug patschnass. Ich nehme mir ein Cockpitkissen und lege mich auf den Fußboden, die Eieruhr tickt mich in den zwanzig Minuten-Schlaf.

Gegen neun wird es ruhig draußen. Was bleibt ist das lange Rollen einer hohen See. Zeit zu gucken wo wir sind. Die GPS-Anzeige unter Deck meckert: „No Signal“. Draußen am Hauptgerät ist alles dunkel. Es dauert einige Minuten bis ich die grüne klebrige Masse eines aufgelösten Kontaktes am Stecker ausmache. Aber wozu hat man zwei Reservegeräte eingepackt? Doch in der Plastik-Box mit den Akkus für das Hand-GPS steht Salzwasser – sie sind so gut wie leer. Auch die normalen Batterien (sozusagen die Reserve-Reserve) sind nicht besser drann: Die nasse Pappschachtel hat sich als wunderbarer Leiter entpuppt, um sie zu entleeren. Logbucheintrag: „Wenn Murphy’s Law dich auf dem Kieker hat, dann bist Du dran: Ich habe eine GPS-Maus als Reserve am Notebook. – Beim vorsichtigen Einschalten kommt mir eine kleine Rauchwolke durch die Tastatur entgegen. Das Haupt-GPS hat einen defekten Stecker, die Batterien für meine beiden Hand-GPS sind leer. Einziges Trostpflaster: Ein Sextant würde mir hier auch nichts nützen, draußen ist es so nebelig, dass man eben noch das Wasser vorm Bug erkennen kann.“ Resigniert stecke ich die Akkus in ein Ladegerät und wecke Torsten. „Kurs 310 Grad. Bitte so genau wie möglich halten. Ich geh jetzt schlafen.“

Sechs Stunden später sind die Akkus immerhin wieder so lebendig, dass wir eine Position bekommen. Wir haben viel Nord und wenig West gemacht. „Das US-Visum hättest Du Dir sparen können: Wir laufen Halifax für die Reparatur der Elektrik an. Das sind rund drei Tage, aber mindestens noch neun nach New York.“

Der Nebel begleitet uns noch zwei Tage, in denen die ersten Reparaturen voranschreiten. Das GPS bekommt ein neues Stromkabel am defekten Stecker vorbei, Schaltkreis für Schaltkreis trocken gelegt und das Sprayhoodfenster mit einigen Stichen Segelgarn zugenäht. Was bleibt ist die Feuchtigkeit. Es dauert keine 24 Stunden, bis sich auf den Holzflächen und Polstern ein feiner grauer Film bildet. Lockert sich der Nebel scheint die Sonne und unter Deck wird es stickig, verschwindet die Sonne, zieht sofort wieder feuchter Nebel in jede Ritze.

Leider sind an diesem Tag neben dem Notebook auch ein Fotoapparat und eine Karte mit vielen Fotos, sowie ein Video-Tape kaputt gegangen. Das Foto zeigt den Atlantik an einem früheren Tag bei rund 20 Knoten Wind.

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