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von Hinnerk Weiler / am 27.06.2010 / in

Nächte im Licht

Vier bis fünf Beaufort, leichter Schrick in der Schot. Paulinchens Wind, bei dem sie mit sechs bis sieben Knoten durch die leichte Dünung fegt, in die Wellen der Nächte hinein. Doch wer sich die Nachtstunden als Segeln in Finsternis vorstellt, hat nie die Eindrücke erlebt, die sich trotz moderner Film und Fotoausrüstung nicht ins heimische Wohnzimmer bringen lassen. Zu filigran ist das nächtliche Schauspiel auf See, das jeden Segler in seinen Bann ziehen muss. Ihn andächtig beobachtend auf seine Cockpitbank fesselt und sich vor dem kleinsten bisschen Licht versteckt. Wie in jedem guten Theater beginnt das Schauspiel nämlich erst, wenn die Bühne abgedunkelt wird.

Erster Akt.

Als fulminant rot glühender Ball stürzt das Tageslicht am Horizont vor unserem Bug ins Wasser. Blau wird zu violett, violett zu rot, rot wieder zu einem dunklen Violett und letztlich hüllt blauschwarze Nacht den eben noch strahlenden Tag ein.

Das Wetter bestimmt den Auftakt. Ist der Himmel frei, treten die kräftigeren Sternbilder als erstes auf die Bühne. Anderenfalls bleibt der einleitende Teil in Dunkelheit verborgen und bestenfalls sorgt dann ein beleidigter Mond, dessen Auftritt in ganzer Pracht von Wolken vereitelt wird, für einen Schleier silbrigen Lichtes am Himmel. Das Stück beginnt dann, nicht weniger eindrucksvoll, direkt im zweiten Akt.

Doch in klaren Nächten malt sich, Pünktchen für Pünktchen, das nächtliche Himmelszelt über das Boot. Eine Hauptrolle spielt der Mond. Mal als Schuft, der sich durch grelles Licht in den Vordergrund spielt, mal als Held, der durch sanfte Zurückhaltung die Gunst des Zuschauers erhält und dabei den Blick auf ganz andere Details erst ermöglicht.

Die einzigen Lichter an Bord sind zu dieser Zeit längst nur noch die Kontrollleuchten am Schaltpaneel und das Dreifarbenlicht im Topp. Selbst die Instrumentenlichter sind abgeschaltet, denn die Augen müssen sich bereit machen für die kleinen Wunder. Und genau darin liegt auch der Grund, warum man sie nur selbst erleben, nicht aber filmen und fotografieren kann. Denn das Auge wird mit abnehmendem Licht empfindlicher, optische Geräte hingegen haben ihre technischen Grenzen. Die Umgewöhnung erfordert eine Dunkelheit die man in der Zivilisation vergeblich sucht. Fern ab von Straßenlichtern und Industriebeleuchtung genügt Licht von acht einfachen grünen LEDs in der Navi-Ecke unter Deck, um sich in der ganzen Kajüte zu orientieren und der Schein eines Vollmond reicht weit nach Mitternacht noch zum Lesen im Cockpit. Vor allem aber werden die eben noch willkommenen ersten sichtbaren Sternbilder jetzt fast blendend.

Nimmt sich der Mond zurück, entweder weil er den Anfang verpasst hat, verfrüht abgegangen ist oder einfach nur als Neumond schön aber kraftlos am Himmel erscheint, dann treten zwischen den hell leuchtenden Sternbildern Millionen funkelnder Lichter auf. Mehr, als es die sternenklarste Nacht über zivilisiertem Festland je hervorbringen könnte. Von Horizont zu Horizont, ungleichmäßig vereilt, aber dennoch überall leuchten sie. Direkt über dem Boot verdichten sie sich zum unregelmäßigen Band der Milchstraße. Beim Fehlen blendender Lichter und ohne störenden Smog erscheint das Licht der zur Galaxie verengten Abermilliarden Sonnen hier draußen tatsächlich wie der Inhalt einer umgekippten Milchkanne am Himmel.

Zweiter Akt

Der milchige Bogen verläuft von einem Horizont zum anderen und mischt sich dort mit dem Schwarz der nächtlichen See. Doch Funkeln auch hier. Je nachdem, wie viel Wind weht. Doch die vermeintlichen Spiegelungen des Nachthimmels stammen im Wasser von einer Armada kleiner Lebewesen, deren Zahl denen der Milchstraße über ihnen kaum nachsteht. Kommt dieses Plankton in Bewegung, beginnt es zu leuchten. Nur ein Glimmen, wenn es wenige Lebewesen und wenig Reize sind, regelrechte Blitze, wenn es mehrere sind und sie durch starke Bewegung im Wasser angeregt werden. In Flaute, wenn das Boot mit einem oder zwei Knoten unter Vollzeug seine Bahn zieht, sind es die Wellen, die hier und da für so ein Aufblitzen im Wasser sorgen. Und Bugwelle und das am Heck im Wasser befindliche Pendel sind von einem ständigen Leuchten umgeben. Wird es aber windiger und das Boot schneller, dann wächst auch die Erregung im Wasser. Das Glimmen verstärkt sich, bis das Boot bei steter Brise wie auf einem Feuerschweif aus kaltem Licht durch die Nacht gleitet, umgeben von bläulichweiß brennenden Wellenkämmen.

Ein Gastspiel alle drei oder vier Tage hält dieses Schauspiel ebenfalls bereit. Eine Schule Delphine, die man bei Tag häufig schon von weitem freudig heranspringen sieht. Ihre Kunststücke, die tagsüber oberhalb der Wasseroberfläche beeindrucken, bleiben nachts in der Dunkelheit verborgen. Hier und da verrät ein Platschen einen Salto in der Luft. Doch Saltos und Schrauben, ja ganze Choreographien finden auch unter Wasser satt. Sichtbar gemacht vom Meeresleuchten des Atlantik sausen die Delphine dann kreuz und quer über- und untereinander ums Boot.

Doch die Dunkelheit macht nicht nur die Augen reif für dieses Schauspiel, auch andere Sinne beginnen schärfer zu werden wenn Reize fehlen. Der Wind fühlt sich anders an, der Geruch der See wirkt frischer und die Kühle der Nacht wird je nach dem, welchen Eindrücken man sich hingibt zur scheidenden Kälte oder wohligen Wärme.

Dritter Akt

Fast schade, in solchen Nächten das Cockpit für die Hundewache zu räumen. Doch das ganze Stück in einem zu erleben bleibt wohl Einhandseglern vergönnt. Denn auch die zweite Wache an Bord hat ein Anrecht auf den Genuss dieses Schauspiels. Und darauf, es allein zu bewundern. Delphine und Feuerschweif bleiben erhalten, bis sich langsam im Norden das schwarz der Nacht in ein Blau tönt. Schon dieses wenige Licht, der Beginn der Dämmerung und noch Stunden vor dem Sonnenaufgang, vereitelt den Augen das feine Licht des Meeresleuchtens. Zuerst tritt die Milchstraße ab, nimmt einen Stern nach dem anderen mit. Dann verschwindet das Meer in tiefem Schwarz. Ganz so, als wolle es dem Tag sein nächtliches Schauspiel verheimlichen. Ein kleines Geheimnis, das es nur mit denen teilt, die sich aufmachen, es vor Ort zu bewundern.

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