Nomadenleben

von Hinnerk Weiler am 10.05.2010 / in Europa

Eine Woche auf See. Vor dem Ablegen hatte ich eine Vorstellung vom Segeln auf dem offenen Atlantik. Jetzt habe ich ein Bild davon. Und das Bild gefällt mir besser, ist weniger von der wilden Seite geprägt. Die gibt es auch, Sonnabend zum Beispiel weckte mich ein kräftiges Rauschen an Deck, gefolgt vom wasserfallartigen Sturzbach durch einen der Dorade-Lüfter – selbst schuld, wie immer beim Einhandsegeln. Ich allein habe vergessen, ihn aus der Windrichtung zu drehen, bevor der Wind losging. Anschließend hing ein Kojenbezug zum Trocknen unter Deck.
Überraschend kam der Wind aber nicht. Schon seit Tagen freue ich mich jeden Tag mehr über die Möglichkeiten einer SSB-Anlage an Bord. Allem voran Grib-Files, die täglich neu die Vorschau der nächsten fünf Tage bringen. Im Wissen, dass ich vor Portugal auf ein Tief zulaufe, bin ich mehr Süd als West gesegelt. Die beau-fort am Heck führt mich ganz automatisch um das Tief herum und sorgt dafür, dass ich stets vor dem Wind bleibe. Den Winddreher am Sonnabendmorgen habe ich nur am Kompass bemerkt. Auf einmal lag Kurs West an. Das Tief zog südlich vorbei Richtung Osten, im Laufe des Tages drehte der Wind immer weiter auf Nordost und mit ihm der Kurs von Paulinchen. Wetterrouting für Fahrtensegler: Nichts machen und sich auf der bequemen Seite des Tiefs lang hangeln – immer ein Reff mehr als nötig in den Segeln, das kostet einen halben Knoten, lässt aber den Kaffee im Becher.

Das gemütliche Leben an Bord war mit dem Wind vorbei. Es wurde lauter und immer wieder luvt Paulinchen auf den Wellenbergen an, bis die Segel killen, legt sich weit über, bis die Windsteuerung sie wieder vor den Wind bringt. Dabei waren die ersten Tage auf See ein Traum, leichter Seegang in achterlichen drei, manchmal vier Beaufort. Lesen, unter Deck, an Deck. Kaum Bewegung im Schiff, sanftes Dahingleiten mit fünf bis sechs Knoten.
Seit ich das Kontinentalschelf verlassen habe, sind die Wellen lang und gleichmäßig; der Traum vom Ozeansegeln wird wahr. Aber vorher erwischte mich zum ersten Mal in meinem Leben Seekrankheit. Vielleicht genoss ich die folgenden Tage daher auch besonders intensiv. Nie zuvor ging es mir an Bord eines Schiffs, Bootes, Seglers, was auch immer, so schlecht. Zuerst versucht man mit Logik der Sache Herr zu werden, ruft sich alles Wissen darüber ins Gedächtnis: „Das Schiff bewegt sich eben“, dann kommt der zweite Trick, der mir bisher jeden Anflug von Magengrummeln auf See beseitigt hatte: Essen. „Vitamin C hilft bekanntlich gegen alles“. Doch alles Überlegen, Argumentieren und Erklären nützt nichts. Es siegen Kopfschmerz und Mattheit.

Ich verbringe den meisten Teil meines ersten Tages auf dem Atlantik unter Deck in der Koje, verrichte mechanisch das halbstündige Ausschau halten und nur zwei Mal gelingt es mir, die Seekrankheit einen Moment zu verdrängen. Zuerst entdeckte ich ein kleines einzelnes schwarzes Segel am Horizont. Henk, der an seiner Midget braune Segel fährt, war anderthalb Stunden vor mir aus Falmouth mit Ziel Madeira ausgelaufen. Ein Segelboot bei 49°47N und 005° 27W zu finden ist schon eine Leistung.
Langes Winken, dann bleibt „Sogno ‚d Oro“ (Traum vom Gold) auch schon achteraus. Paulinchen bietet zwar nicht den Platz der rund anderthalb Meter kürzeren Midget, dafür kommt man recht schnell voran. Das Adrenalin wich und die Übelkeit schickte mich wieder in die Koje, wo ich mich lethargisch über das Klappern von Geschirr in der rollenden See aufregte, ohne etwas dagegen zu tun.

Aus Nordosten schoben sich Wellen durch den Englischen Kanal, aus Nordwesten kamen die der Irischen See. Hier hatten sie beschlossen jemanden zu suchen, dem sie mit Kreuzseen der übelsten Sorte das Leben zur Hölle machen können. Und mein Südwestkurs war die passende Richtung dafür, die 2,7 Meter Breite boten die idealen Voraussetzungen, um ein Boot von 30 Grad Steuerbord nach 30 Grad Backbolr rollen zu lassen, pro Seite jeweils eine Sekunde.
Nachts gesellte sich dann zum Rollen und Klappern des Bootes ein neues unbekanntes Geräusch – lang gezogen, unregelmäßig, aber immer exakt gleich, quietschend. Im Geiste setzte ich eines der Lager an den der Umlenkblöcke der Windsteuerung auf die „Verlustliste“, nahm einen Ersatzblock aus der Tasche und kletterte ins Cockpit. Doch draußen war das Geräusch gar nicht zu hören. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich es auf dem Boden liegend mit angehobenem Bodenbrett lokalisiert hatte. Direkt vom Rumpf. Lauter als vorher Ioooouuuuuuurrrrrr – irgendwo unter mir war ein Wal.
„Don’t try to photograph them – they hate it and leave you“, hatte mir Tim in Falmouth als Ratschlag für meine erste Walbegegnung mitgegeben. Zu sehen wäre mitten in der Nacht wohl eh nichts, aber mein Diktiergerät auf dem Kojenboden hat der nächtliche Besuch nicht bemerkt.
Eine halbe Stunde lang bleib ich mit offenem Bodenbrett auf der Koje liegen und hörte ihm zu, dann übernahm wider die Stille der Nacht seinen Platz, ich erinnerte mich an meine Seekrankheit, stellte wieder die Eieruhr und schloss die Augen.

Seitdem habe ich mich an das Bordleben gewöhnt, es dauerte zwei Tage, bis sich alles eingespielt hat. Bis ich in Ruhe unter Deck am Notebook arbeiten konnte, bis Kochen und Abwaschen ohne neue blaue Flecken klappten. Vor allem aber hat sich die innere Einstellung angepasst. Ich lebe nicht mehr vor Anker oder im Hafen und segle zwischendurch schnell mal von Falmouth zu den Azoren. Dies ist Teil des Lebens. Es ist ein Normadenleben und hat Phasen der Rast und Phasen der Wanderschaft. Aber Alltag ist immer. Vorbei sind die Zeiten, wo ich mich mit Ölzeug 20 Minuten schnell auf die Salonkoje lege: Ich ziehe es an, wenn es draußen etwas zu tun gibt. Unter Deck trage ich normales Zeug und Hausschuhe.

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