…and then you are fucked

von Hinnerk Weiler am 03.05.2010 / in Zwischennotizen

Das also war dann Falmouth, England, der Kanal und überhaupt – Europa. Aber zuerst einmal die groben Daten für die nächsten zwei Wochen: Vor mir liegen 1.182 Seemeilen Wasser und nichts weiter. Nur Wasser. Bei 4,5 Knoten bedeutet das rund 11 Tage und in Zahlen lesen diese Tage folgendermaßen: 48°30N /009°49E, dann 37° 34N/025°07,3E und letztlich 37°42,73N/025°37,6E.

Das sind die drei Wegpunkte, die die Reise zu den Azoren beschreiben. Drei Punkte im Wasser – mehr braucht es nicht für meinen längsten Schlag bisher. Den ersten erreiche ich wohl in zwei Tagen – also Mittwoch. Bis dahin ist erfahrungsgemäß der für zwei Wochen vorgesehene Vorrat an Schokolade auf die Hälfte dezimiert und muss dringend rationiert werden. Hier gibt es dann Abschied vom europäischen Kontinent. Unter mir fällt der Meeresboden des Kontinentalschelfs fast senkrecht von 150 Meter auf über 4.600 Meter ab. Dann bin ich geografisch wirklich nicht mehr in Europa, sondern irgendwo zwischen den Kontinenten.

Seit Tagen versuche ich mir vorzustellen, dass mein Boot, angenommen das Sonnenlicht würde soweit ins Wasser hinunter reichen, vom Grund aus mit bloßem Auge kaum noch zu erkennen wäre. Weit oben, allenfalls als winziger Punkt am Ende der Welt. Ein Alien, der da ein fremdes Universum bereist.
Der Wegpunkt liegt etwas westlich der eigentlich kürzesten Route. Aber so umgehe ich gleichzeitig die stark befahrenen Gegenden und mache einen großen Bogen um die Biskaya. Dort weht es noch einige Tage mit bis zu 30 Knoten weiter. Sofern der Wetterbericht stimmt, wird der damit verbundene Seegang mich allerdings nur noch als Dünung erreichen, während meine Route achterlichen bis halben Wind mit drei bis vier Windstärken verspricht.

937 Seemeilen weiter südwestlich wird sich dann nach acht bis zehn Tagen die Insel Sao Miguel aus dem Nichts lösen. Mit Pech löst sich dann auch der Wind auf, wahrscheinlicher ist jedoch, dass sich bis dahin ein neuerliches Tiefdruckgebiet mir seinen Fronten auf dem Weg über den Atlantik befindet. Tim beschrieb es gestern Morgen beim Kaffee hier an Bord mit einfachen Worten: „Es kann sein, dass Du in eine endlose Flaute bei den Azoren kommst und froh über jeden Tropfen Diesel bist den Du bis dahin gespart hast. Aber es kann auch sein, dass es höllisch bläst – und das dann garantiert aus Süden – and then you are fucked!“

Nicht ganz falsch, auch wenn ich die Beschreibung etwas drastisch finde. Denn die ersten beiden Fronten sind schon zu sehen, ziehen allerdings etwas nördlich an mir vorüber und so komme ich nur am Rand in den zweifelhaften Genuss eines Winddrehers auf Südost bis Süd. Passieren soll das etwa auf der halben Strecke. Hält der Wind dann bis zum Hafen an, habe ich zwar eine schnelle Passage hoch am Wind und einen guten Eindruck von dem, was auf mich auf der weiteren Reise wartet, aber dann steht der Schwell auch genau auf die Hafeneinfahrt von Ponta Delgada und ich freue mich über jedes Stück Schokolade, das ich mir bis dahin aufgespart habe.

Doch wie das Wetter in zwei Wochen wird, weiß heute noch niemand. Selbst die Wetterdienste, die brav täglich eine 120 Stunden Vorhersage schicken, sind bekanntlich vorsichtig mit ihren eigenen Prognosen für so lange Zeiträume. Aber einen groben Überblick bekommt man wenigstens. Mir bleibt nur, täglich diese Faxe zu empfangen und mich auf das einzustellen, was sich unterwegs entwickelt.

Ziel der ersten Etappe, das Leuchtfeuer Falmouth am Aufgang des Englsichen Kanals und Startpunkt für viele Yachten in den Atlantik

Etappenziel Falmouth. Der Leuchtturm markiert die Einfahrt zum Mündungsgebiet

Daumen drücken schadet bekanntlich nicht, also nur zu!

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