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von Hinnerk Weiler / am 28.04.2010 / in ,

Die dritte Woche in Falmouth ist angebrochen. In aller Ruhe auf den Atlantik zu starten bedeutet vor allem einen guten Start abzupassen. Unterwegs kann sich das Wetter unangenehm entwickeln, damit muss man dann leben. Aber gleich in schlechte Bedingungen starten muss ja auch nicht sein. Seit einer Woche piept daher das Kurzwellenradio jeden Morgen die aktuellen Wetterkarten vom englischen Wetterfaxsender Northwood und es scheint tatsächlich so, das der Weg zur Azoreninsel Sao Miguel langsam frei wird. Irgendwann zwischen Freitag und Sonntag geht es dann auf den Atlantik.

Den gemütlichen Ankerplatz in der Bucht vor Falmouth habe ich längst verlassen. Vor Anker bin ich jedoch geblieben. Direkt vor der Stadt, kostet das Ankern zwar sieben Pfund am Tag dafür sind Duschen, Wasser bunkern und andere Annehmlichkeiten einer Marina enthalten. Vor allem aber ein kurzer Weg an Land.

Denn das Fortbewegungsmittel Nr. Eins ist das Dingi mit dem man hier einfach zum „Tenders only“ Steg fährt. Der Vorteil ist: Man lernst schnell Leute kennen, vor allem, wenn man mit einem eitwas ungewöhnlich wirkenden Elektromotor unterwegs ist, der so gar nicht wesentlich langsamer ist als die kleinen Benzinmotoren.

Die anderen, das sind um diese Jahreszeit überwiegend Einhandskipper: Henk, der mit seiner Midget 26 auf dem Weg nach Süden ist. „Sage niemandem wo du hin willst, denn dann musst Du gehen“ ist sein Motto und so bleiben seine Pläne im Dunkeln, ebenso, wie lange er bleibt. Denn „You never have to go“, erst, wenn es sich gut anfühlt wird der Anker gelichtet. So ist er mit seinem nicht einmal neun Meter langen Boot nach Island gekommen und nach Haparanda. Daneben schwojt die „China Blue“, die Skipper Tim schon um die Welt und mehrmals über den Atlantik brachte. Jetzt wartet es mit ihm auf den Start des Oyster Ablegers Jester Challange. „Keep it simple, stupid“ steht über dem Naviplatz des Cockpitlosen Folkebootes, das komplett unter Deck gesteuert wird. Mit dieser Losung dürfen Boote am legendären Oyster Rennen nicht mehr Teil nehmen. Satellitentracker, Ausrüstungsvorschriften und nicht zuletzt eine Mindesgröße 30 Fuß waren Ansporn eine eigene Regatta für kleinere und einfachere Boote in Leben zu rufen. Vor allem sind dies die „Jesters“, wie die modifizierten Folkes in anlehnung an iohren „Erfinder“ heißen.

Und dann ist da noch Steve, der „Local“, der früher einmal eine Werft geleitet hat und weder über den Atlantik, noch sonst wo hin will. Er lebt an Bord seiner fensterlosen ehemaligen Rennyacht, schaut verträumt von seinem Dingi aus auf den Sparkman & Stephens Riss auf dem er wohnt, weil ihm das besser gefällt als eine Wohnung an Land. Das innere versprüht den Charme eines typischen Racers – Funktionalität in reinster Form. Er sieht das anders: „There is just nothing from wich woman can start to build a nest.“, dann lacht er und schaut wieder vertäumt auf sein Boot.

Neben dem allabendlich wechselnden Klönschnack auf einem der Boote nutze ich die Zeit, um viele Kleinigkeiten am Boot zu erledigen. Schaffe dabei in einer Woche mehr, als in einem halben Jahr in Hamburg. Vor allem der Quelle für einen Grossteil des Wassers im Schiff bin ich auf die Spur gekommen. Lange habe ich das Leck gesucht – aber es ist nicht eines, es sind viele kleine… – Undichte Stellen an der Fußreling, Tropfende Schrauben von Beschlägen, ein abgesprungener Schlauch der Lenzer hinter den Cockpitbänken usw… Während Henk Eimerweise Wasser aufs Deck kippt, liege ich unter Deck und fluche vor mich hin. Vor allem die Fußleiste zu demontieren würde „The Hell of a Job“ sein, wie Tim kommentiert. Und es würde mich hier für Wochen festnageln. Also Eindämmen statt Beheben! Die teilweise anderthalb Millimeter breiten Spalten zwischen Deck und Fußreling werden mit Dichtmasse verfüllt, eine durchgehende Dichtung zieht sich innen und außen darüber vom Bug bis zum Heck. Ebenso sind Beschläge an Deck neu eingedichtet. Ganz trocken wird Paulinchen wohl auch damit nicht, aber es wird deutlich weniger werden. Vorsichtshalber wird auch für Plan B nachgerüstet: Die nagelneue zweite Bilgepumpe, die ich bei geschlossenen Luken aus dem Cockpit bedienen Kann, macht selbst tägliches Pumpen zur Kleinigkeit, die schnell nebenbei erledigt ist. Dass ich diese Pumpe gleich einen Tag nach dem Einbau benötige hatte ich allerdings nicht erwartet.

11 Gallonen, rund 50 Liter Wasser fördert sie bei 60 Hüben pro Minute und noch einiges mehr, wenn man nervös wird – angeblich auch viel mehr, wenn man sehr nervös wird. Auslöser von Nervosität kann zum Beispiel ein unangenehmer Abgasgeruch im Boot sein. Zur Panik reift sie, wenn beim umdrehen zum Motor die Füße knöcheltief im Wasser stehen.

Wasser im Schiff, viel Wasser – kann einem selbst am Ankerplatz vor einer Marina gewaltig Angst machen. Und dieses steht gut zehn Zentimeter über den Bodenbrettern. Die Gedankengänge laufen synchron zu den Handlungen: Motor aus, Motorraum öffnen. Qualm und Wasser im Überfluss. Verdammt, gestern die Taschenlampe nicht wieder an ihren Platz gelegt. Feuerlöscher in Griffweite aus der Halterung lösen und in den Niedergang legen. Pumpen!

Tatsächlich, der Wassereinbruch endet mit dem Brummen des Motors, der gerade die Batterien laden sollte und auch der Qualm lichtet sich. Also fällt der Verdacht auf die Abgasleitung, da sie ja auch das Kühlwasser außenbords transportiert.

Es dauert eine Stunde, bis unter dem Cockpit ein Stück Schlauch enttarnt wird, in das ein 90 Grad Winkel eingesetzt ist. – Mit einem Rohr aus Kupfer, durch das Salzwasser läuft… Man könnte das nun Sabotage nennen, aber das ist eben das schöne am Einhandsegeln: Man ist immer selber Schuld. Längst hätte ich das Stück entdecken können, wenn ich mich mal kopfüber in die Backskisten gestürzt hätte, um zu sehen wie es unterm Cockpit aussieht… Ich hoffe mal, das meinem Klabautermann nun langsam die Ideen ausgehen. Denn mit jedem neuen Streich wird das Beheben der Schäden komplizierter.

von Hinnerk Weiler / am 16.04.2010 / in ,
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