16 Milliarden Tonnen auf dem Gemüt

von Hinnerk Weiler am 10.02.2010 / in Technik, Ausrüstung, Praxis
Segelyacht Paulinchen, IW31, unter Schnee und Eis im City Sporthafen

Paulinchen noch immer im Eis gefangen

Das Prädikat “Kältester Winter seit 1987” stellte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer in einem Interview mit der Bild am Sonntag den vergangenen Monaten aus. Laut dem CSU Politiker, in dessen Verantwortungsbereich auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) fällt, war Deutschland am zweiten Februarwochenende von etwa “16 Milliarden Tonnen Schnee und Eis“ bedeckt. Angesichts dieser Winterlandschaft sollten Bürger geduldig Abstriche bei der Mobilität hinnehmen. Geduld, die zwischen Eisschollen und bei Schneetreiben bei mir zumindest langsam ihre Grenzen erreicht. Immerhin, die Tage werden länger. Aber da weder der DWD, noch die Bundesregierung auf die Eislage Einfluss hat, bleibt weiterhin nur abzuwarten. Wenn also meine Blogbeiträge – und auch dieser gehört dazu – etwas an Sachlichkeit zugenommen haben und das schöne Segeln, die Weite der See und das Träumen von fernen Küsten nachgelassen hat, dann liegt das an 16 Milliarden Tonnen Schnee, die auf dem Gemüt liegen.

Hafenbarkassen liegen am Hamburger Baumwall fest im Eis

Hafenbarkassen am Hamburger Baumwall

Von guten Bedingungen für den mittlerweile drei Monate überfälligen Start aus dem Hamburger Hafen ist derzeit nicht einmal etwas zu ahnen. Auch, wenn der Frühling immer kurz zu fühlen ist und hin und wieder auch Sonnenflecken durch die Fenster an der Schottwand auftauchen. Der täglich aus dem Navtex-Empfänger tickernde Eisbericht ist nichts, als die Aufforderung zur Geduld:

ZCZC SC40
081100 NAVTEX-HAMBURG (NCC)

ICE REPORT FOR GERMAN BIGHT FROM 08.02.2010

KIEL CANAL: VERY OPEN TO CLOSE ICE, 5-15CM. ELBE: OPEN TO CLOSE ICE, 15-30 CM FROM HAMBURG TO STADERSAND. GLUECKSTADT OPEN THIN ICE, FROM BRUNSBUETTEL TO NEUWERK OPEN TO VERY OPEN ICE, 15- 30CM. CUXHAVEN PORT CLOSE ICE 10-15CM. NORTHFRISIAN WADDEN SEA: VERY OPEN TO OPEN ICE, IN HARBOURS AND SHELTERED REGIONS ALSO COMPACT ICE 15-30 CM.

BSH-ICE SERVICE

Lockere Eisschollen von 15 bis 30 Zentimetern dicke, die auf dem Weg zur Nordsee am Rumpf entlang kratzen würden. Hafenmeister Robby tippt daher ebenso wie ich auf mindestens zwei weitere Wochen im Eis. Auf zwei Tage Tauwetter folgt jetzt wieder eine Woche mit Nachtfrost bis –10 Grad. Und zu allem Überfluss ist auch das WLAN im Hafen schon seit über zwei Wochen ausgefallen.

Trotzdem, der kurze Anflug von Frühling hat das Stimmungsbarometer deutlich gehoben. Paulinchen schaukelt wieder im Schwell der Fähren und die Eisbrecher um uns herum sind zumindest seltener geworden. Die Wasserlinie hat allerdings vom ständigen Reiben am Eis deutliche Spuren bekommen. Vor dem Start scheint eine genauere Kontrolle bei Ebbe an einer Spundwand keine schlechte Idee zu sein. Die Temperaturen von knapp über Null Grad ließen aber auch endlich einige Arbeiten an Deck zu: Auf Paulinchen gab es neue Fallen, Schoten und Festmacher. Das teilweise stark verschlissene laufende Gut ist jedenfalls komplett gegen modernes Tauwerk getauscht worden.

Schamfielen am Umlenkblock - zerschlissenes Tauwerk

Schluss mit dem Drahtvorlauf. Das neue Großfall ist komplett aus Dyneema

Auch in Punkto Sicherheit gab es einiges Neues: Auf der Ostsee erschien mir die Wahrscheinlichkeit längere Zeit in der Rettungsinsel zu verbringen gering. Doch ab jetzt werden die Passagen länger und nach dem englischen Kanal wird der Verkehr zunehmend lichter. In meiner neuen Plastimo Trans Ocean Rettungsinsel finden maximal vier Personen Platz – und Vorräte für 48 Stunden. Das sollte selbst auf dem Atlantik in der Regel genügen. Zu zweit unterwegs lassen sich damit vier Tage überbrücken. Dazu kommt natürlich noch der Inhalt des Grab-Bags. In der Notfalltasche ist unter anderem ein kleiner Katadyn Watermaker und die ebenfalls neu an Bord gekommen Kannad Epirb. Damit ist die Notausrüstung von Paulinchen nun komplett. (Das Update der Ausrüstungsliste ist gerade in Arbeit)

Nur die Themen Kommunikation und Windgenerator warten weiter auf eine Lösung. Iridium, Kurzwelle, Inmarsat – alle Systeme bieten Möglichkeiten für Sprachübertragung und auch E-Mails von Bord. Doch vor den laufenden Kosten stehen hohe Anschaffungskosten und nach drei Monaten ungeplantem Hafenaufenthalt mit zusätzlich rund 65 Euro Heizkosten pro Woche sind die Polster in der Bordkasse alles andere als prall.

Falls jemand Ideen zur Lösung der letzten beiden Punkte hat, freue ich mich natürlich auf Kommentare.

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