Gute Nacht

von Hinnerk Weiler / am 13.08.2009 / in Törnblog

Auf Ruhnu gab es noch Pfannkuchen zum Frühstück. Im strahlenden Sonnenschein, bei 25 Grad im Cockpit. Der ganze Hafen schien etwas unter Katerstimmung zu leiden: Überall gedämpfte Stimmen, träge Hände, die Leinen loswerfen. Am Abend vorher wurde auf Ruhnu gefeiert. Bis zwei Uhr hämmerte die Musikanlage ihre Bässe weit in den Meerbusen hinaus. Gejole, Tanzen auf der Veranda vor der Hafenbar und auf den Tischen vor der Veranda. Esten, Finnen, Schweden und der Deutsche, der sich hier seit einigen Tagen so wohl zu fühlen scheint. Jeder so wie er ist, jeder mit jedem. Hier wird nichts zur Schau gestellt. Keine teure Armbanduhr, keine Markenhose. Es geht nur um den Spaß, nicht darum, den andern zu beeindrucken. Alle wollen nur für einen Abend vergessen, dass der Sommer irgendwann zu Ende sein wird.

Man soll gehen, wenn es am schönsten ist. „Meeting you was a pleasure“, verabschiedet sich der Hafenmeister, als ich meine Rechnung begleiche. Eine schwache Brise zieht Paulinchen mit dichtgeholten Schoten aus dem schmalen Hafen, die Genua verschwindet, der Gennaker bläht sich auf und schiebt das Boot zum nur zwanzig Meilen entfernten Leuchtturm Kolka. Das richtige Segeln nach einer langen Nacht.

Der Eingang in die Irbenstraße ist der Beginn einer neuen Etappe: Ich verlasse die „Bay of Riga“. Mein Ziel: Ventspils. Wenn der Wind auffrischt, vielleicht noch weiter nach Liepaja. Wie auch immer, morgen Abend müsste ich ankommen. Beim Wetterbericht muss ich nun wieder auf „Zentrale Ostsee“ und „Südöstliche Ostsee“ achten, verliere mich aber in Erinnerungen, als die Stichwörter „Aalandsee“ und „Golf von Finnland“ die Vorhersagegebiete meiner letzten Etappen ankündigen. Egal – ich habe vor der Abreise im Internet noch einmal geschaut: Nordost, 3-6 m/s. Abends zunehmend 5-8 m/s, qstdrehend. Morgen Südost 6-9 m/s. Dann irgendwann demnächst West, bis 18 m/s. Aber bis dahin liege ich sicher im Hafen.

Zum ersten Mal auf dieser Reise geht die Sonne vor dem Bug unter. Das gelegentliche Rascheln des Leichtwindsegels, das Knarren des Falls und hin und wieder ein kurzes Gurgeln der ins Wasser gesunkenen Schot. Sonst bietet die hereinbrechende Nacht lediglich Stille. Bei anderthalb Knoten Fahrt plätschert nicht einmal die kleine Bugwelle vor Paulinchens Rumpf. An Backbord zieht sich seit Stunden der typische weiße Sandstrand entlang, der die Gegend so einmalig gleichförmig macht. Dahinter der ebenso typische Kiefernwald. Man kann das langweilig finden, ich lehne mich zurück und genieße, dass es außer dem Augenblick nichts zu verpassen gibt. Nach und nach erscheinen Lichtpunkte am Ufer. Lagerfeuer, alle paar Kilometer flackern Flammen über Holzscheiten unter der sternenklaren Mondnacht.

Ich verließ Riga bei Vollmond, heute ist schon fast die Hälfte des Erdbegleiters in seinem eigenen Schatten verschwunden. Es frischt auf. Der Wind dreht langsam auf Osten. 6 Knoten, 7 Knoten, ein Topf sucht mit Gepolter nach besserem Halt im Schapp, findet ihn und gibt Ruhe. Ein Buch verabschiedet sich aus dem Regal. Gurgeln am Heck, Zischen auf dem Vorschiff, gelegentliches Knallen im Rigg – Rauschefahrt in die Nacht.

Ein Frachter kommt von Achtern auf. Zwei Topplichter, Seitenlichter, drei rote Lampen im Topp. Ein Gigant des Meeres zieht an mir vorbei, wirkt viel zu groß für diese enge Passage.

Der Wind kommt immer vorlicher, mit Gennaker kann ich den Kurs nach Ventspils nicht mehr anliegen. Viel zu spät und kaum zu bändigen verschwindet Meter für Meter Tuch im Segelsack. Für die große Genua genau der richtige Wind: Mit 6,5 Knoten ziehe ich am Fahrwasser nach Ventspils in den Morgen hinein. Der Holzhafen im Norden füllt die Luft noch gut eine Meile vor dem Hafen mit dem Geruch von frischem Kiefernharz. Fünf Minuten später überdeckt ihn ein anderer Geruch. Erdig, süßlich und beißend zugleich, weht er vom Ölhafen im Süden der Stadt herüber.

Kurs 204 Grad. Liepaja liegt mittlerweile hoch am Wind. Noch neun Stunden errechnet das GPS. Zeit zum Dösen. 25 Minuten gönne ich mir auf der Leekoje, bis die Eieruhr klingelt. Die Windfahne hält das Boot auf Kurs. Der Südost wird langsam zum Südwind. Kurs 210°, mehr geht nicht mehr. Steuerbord querab hält ein Segler auf die offene See hinaus. Jede zweite Welle wirft Paulinchens Nase schnaubend in die Höhe. Das Tempo sinkt auf etwa drei Knoten. Noch einmal 25 Minuten dösen. Der erste Wasserfall ergießt sich über die Sprayhood ins Cockpit. Kurs 230°. Im Logbuch steht:

8:35 Uhr … wenn das so weiter geht, wird der Zehn-Stunden-Anlieger nach Liepaja zur 20-Stunden-Nerv-Kreuz.

Schlafen gehen ist sinnlos bei dem Kurs. Ich falle etwas ab, damit das Boot wenigstens wieder Fahrt macht. Zeit die große Genua herunter zu holen und gegen eine Nummer kleiner zu tauschen. Logbuch:

9:10 Uhr – Ich habe schon länger das Gefühl, satt zu sein. Die Neugierde ist gestillt. Ich habe genug historische Altstädte gesehen. Die vielen Eindrücke der letzten Wochen hatten keine Zeit sich zu entfalten, nicht einmal sich festzusetzen. Häfen beginnen einander zu gleichen, obwohl sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Es fehlt der Platz im Kopf, neue Bilder aufzunehmen; Zeit für den Heimweg. Seit fünf Minuten liegt Kurs 242° an. Der eine oder andere wird vermutlich heute Abend etwas irritiert gucken, wenn die Positionsdaten vom SPOT Messenger per E-Mail zuhause eintrudeln. Paulinchen läuft nicht an der Küste entlang Richtung Klaipéda. Meinen Wegpunkt habe ich etwas östlich vor Bornholm mitten ins Wasser gesetzt. 225 Meilen vor mir – mit den aktuellen 6 Knoten sind das rund 40 Stunden. – Fast 20 bin ich schon auf den Beinen. Ich habe noch eine viertel Flasche Brennspiritus, einige Scheiben Käse, etwa sechs Zentimeter Salami und einige Fertiggerichte. Wasser reicht auf jeden Fall. Flaute soll es laut Wetterbericht ja jedenfalls nicht geben. Ich hoffe eher, dass ich noch vor dem Dreher auf West die andere Seite erreiche. Sonst sehe ich mich mit meinen noch etwa 15 Litern Diesel im Tank kurz vor Öland noch nach Danzig abdrehen.

1 Kommentar

  • Hallo Hinnerk,

    wir waren mit unserer kleinen „FREIA“ (Leisure 17) zur gleichen Zeit wie Du auf Ruhnu (Stichwort Musikbeschallung) und haben uns diverse Male mit Dir unterhalten. Wir lesen Deine Törnberichte mit Interesse und wünschen weiterhin gute Fahrt und immer die nötige Handbreit Wasser unterm Kiel!

    Viele Grüße
    Björn und Ene Greinert