Nachtrag: Ankunft in Riga I

von Hinnerk Weiler / am 08.08.2009 / in Zwischennotizen

Wieder Morgengrauen, wieder kriecht morgendliche Feuchtigkeit langsam unter das Ölzeug. Die Riga Bucht passierten wir bei Nacht. Anfang August ist von den kurzen Nächten des hohen Nordens nicht mehr viel zu sehen. Langsam hüllten sich Himmel und Wasser in ein gleichmäßiges Schwarz, gaben die Bühne frei für tausende kleiner weißer Punkte. Ich liege auf dem Rücken im Cockpit. Die Dreifarbenlaterne im Topp malt in jeder Welle ihre Kreise und Zacken in den Himmel. Kein Smog, keine weiteren Lichter am Boden. Nur ein kleiner Lichtpunkt, der über schwarzes Wasser unter schwarzem Himmel gen Süden gleitet.

Sieben Stunden dauert laut GPS die Fahrt von der Insel Ruhnu zur Hafeneinfahrt von Riga. Einige Meilen westlich liegt die Dampferroute, auf der große Pötte ihren Weg von der Ostsee in die lettische Haupttadt nehmen. Ihre Topplichter sind schnell auszumachen, liegen weit auseinander. Grüne und weiße Lichter lösen sich voraus aus der Nacht. In sicherem Abstand passieren zwei kleinere Boote an Steuerbord. Im Fernglas lösen sich vor dem Horizont erst die Kontouren einer Yacht, dann die eines Fischers. Hinter uns tobt ein Gewitter, lässt im Minutentakt das Deck hell aufleuchten. Im Restlicht zeichnet sich eine dunkle Wolkenwand ab, das Unwetter zieht vorbei. Zurücklehnen, Sterne anschauen.

Staßenlaternen, Industriebeleuchtung, Reklame. Unser Ziel kündigt sich mit dem rotem Schimmer nächtlicher Großstadtbeleuchtung am Himmel an. Schon fünf Stunden vor dem Hafen zeigt die Stadt, dass sie nicht schläft. Irgendwo zwischen Witschaftskriese und Aufbruchstimmung sucht sie Tag und Nacht ihren Weg in eine weniger gebeutelte Zukunft. Ich bin gespannt auf Leute, auf Bauten und auf das Nachtleben.

Knallrot steigt das Auge des Tages im Osten aus dem Wasser. Wir passieren die langen Molenköpfe des Daugava. – Halb Hafen, halb Fluss. Das Wasser um uns ist längst braun gefärbt. Der Andrejosta Yachthafen am Zentrum liegt knapp sieben Meilen tief im Land. Aus dem Funkgerät scheppern fremd die Laute in lettischer Sprache. Dazwischen ein Lachen. Hat jemand einen Witz erzählt?

Berge schwarzer Kohle liegen beidseits des Flusses, werden ununterbrochen von den Verladekränen in Schiffsrümpfe transportiert. Vergebens. Vom Land aus rollen die nächsten Güterzüge bereits heran und kippen ihre Fracht auf die Förderbänder. Das rötliche Licht des frühen Morgens weicht dem Tag. Die Müdigkeit erstickt in dampfendem Kaffee. Die Stadt kommt näher. In mehreren Etagen stapeln sich Container und warten auf den Transport in die Welt. Die letzten Kräne weichen modernen Gebäuden. Die Stille der Nacht ist vertrieben von Autos, Bussen und Straßenbahnen. Es ist Samstag, kaum ein Unterschied zu einem gewöhnlichen Werktag. Zwei weiß gekachelte Speicher markieren die Einfahrt des Yachthafens. Alte geflickte Schwimmstege, ein freundliches Willkommen vom Nachtwächter. Frühstücken, schlafen.

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