Zwischen den Welten

von Hinnerk Weiler / am 07.08.2009 / in Zwischennotizen

Helsinki und zurück – eine Testfahrt. So hatte ich mir den Trip für diesen Sommer vorgestellt und so bin ich ihn auch angegangen. In einer Woche gegen Starkwind aus Nordost von Rügen an Schwedens Ostküste entlang in die Stockholmer Schären, Im Juni etwas bummeln und dann schnell nach Finnland. Für Helsinki hat es trotzdem nicht gereicht. Jetzt, auf dem Rückweg, sollte es wieder schnell gehen. Am Kartentisch mit dem Ostsee-Übersegler vor mir erschienen mir zwei Wochen für die drei Baltischen Staaten vollkommen ausreichend. Jetzt ist die dritte Woche vorüber, knapp 300 Seemeilen trennen mich noch von Bornholm und ich kann mich nicht los reißen.

MG 3308Keine Frage, Schweden und Finnland überzeugen mit Naturerlebnissen, hinter deren Abwechslung und Einzigartigkeit dieses Segelrevier neidlos zurückstehen muss. Wo in Skandinavien bewaldete Schären und karge Felsen fast im Minutentakt Abwechslung bieten, segelt man in Estland und Lettland an langgezogenen, fast menschenleeren Stränden entlang. Die daran anschließenden Kiefernwälder verlieren sich als schmaler dunkelgrüner Streifen über dem hellen Sand, und über beidem liegt nur noch Himmel. Keine Berge, nicht einmal Hügel. Darum sah ich vor dem Törn Estland, Lettland und Litauen auch mehr als Transitstrecke und weniger als reizvolles Revier an. Ich erwartete Langeweile.

Tatsächlich füllt sich mein Notizbuch seit drei Wochen langsamer. Die Eindrücke brauchen mehr Zeit zum wachsen, wenn die Landschaft weniger Abwechslung bietet. Das Wesentliche kommt hier nicht von außen und stürzt nicht in tausend Farben und Formen auf den eilig Reisenden ein. Estlands Natur erschlägt nicht mit ihren Reizen, sie muss entdeckt werden. Im Gegenzug beruhigt sie mit sanften Übergängen. Nicht um zu langweilen, sondern um Raum zum Beobachten zu lassen. Dann findet man vor Kinuh den Strand, der genauso auch ein Südsee-Atoll sein könnte. Abwechslung findet man hier vor allem an Land, wenn sich hinter dem immer gleichen Küstenbild neue Welten auftun. Das fordert, dass Tempo zu drosseln und sich Zeit zu nehmen. Zeit, nicht nur den Wechsel der Landschaft zu erleben, sondern auch den Wechsel, der sich in mir gerade vollzieht. Noch fühle ich die stete Unruhe des rastlos Reisenden, der vor drei Monaten in der Schlei aufgebrochen ist. Im Verlangen weiterzukommen, immer mehr sehen zu wollen. Daneben wächst aber immer schneller das Nomadentum des Fahrtenseglers. Die Zufriedenheit, die mit der Rastlosigkeit ihren ständigen Kampf austrägt: Schnell vorankommen, oder bleiben und beobachten. Neugierde auf den Ort, an dem ich bin, gegen den Ehrgeiz, ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Noch gibt es in diesem Kampf keinen Sieger. Aber je mehr sich die Fronten zum langamen Erleben verschieben, desto klarer wird mir, dass ich noch lange nicht wirklich das Boot als Zuhause angenommen habe. Erst jetzt, und ganz langsam, wandelt es sich vom Fahrzeug zur Heimat. Ein kleines Zuhause, mit der ganzen Welt als Garten davor. Lädt der zu einem Spaziergang ein, dann muss ich die Segel setzen.

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