Hallo Halo

von Hinnerk Weiler / am 12.07.2009 / in Technik, Ausrüstung, Praxis

Die Sonne lacht, es weht nur wenig Wind und es scheint ein schöner Tag zu werden. Ich liege vor Mariehamn vor Anker und werde einige Tage hier ausspannen. Soweit der Plan, dann überschlägt sich der Sprecher im Funk beinahe: „Securite Securite Securite, this is Turku Radio, Turku Radio calling with gale warnings, near gale warnings, strong wind advisories and navigational warnings“. Wow – beeindruckt von so viel „Warnings“ schalte ich auf den Arbeitskanal von Mariehamn um. Am besten kommt die „Sea of Aaland and Archipelago Sea“ weg. Das ist gut, da bin ich. Nur 17 Meter pro Sekunde sollen es hier werden. Das sind sieben Beaufort. Im Schutze Mariehamns rechne ich mal eher mit sechs, hinter der Landzunge wo ich ankere mit fünf. So kann man sich die Welt schönrechnen.
Ganz so überraschend kommt der Wind nicht. Der leichte Schimmer um die Sonne fiel mir schon beim Frühstück auf. Kreisrund und blasser als ein Regenbogen und genauso farbenfroh. „Halo“ sagt der Wetterfrosch dazu. In der Karibik bereiten Segler sich bei einem ausgeprägten Halo auf einen Hurrikan vor, in den Aalands geht man lediglich in einen der wenig geschützten Häfen. Ich habe keine Lust auf Hafen und der angedrohte Starkregen macht auch keine Lust auf Stadtbummel. Außerdem sind wir ja zum Testen und Erfahrungen sammeln hier und nicht, um in Häfen abzuhängen. Heute testen wir: Starkwindankereigenschaften (Cooles Wort).
Irgendwann wird es mich überraschen, irgendwo in einer gemütlichen Bucht: Trügerischer Frieden und ich vergesse morgens auf die Sonne zu schauen und sehe den Halo nicht. Peng, da sitze ich dann mit 30 Knoten Wind und 5 Meter Ankerleine im Wasser.
Also probiere ich das in Ruhe aus. In strahlendem Sonnenschein hänge ich den 12kg Reserve-Klappdraggen als Reitgewicht an die Ankerleine. Aufgeklappt soll er sich – so der Plan – ebenfalls eingraben. Paulinchens Ankergarderobe ist für eine Dame ganz ansehnlich dimensioniert. Also irgendwo zwischen knapp und hauteng. Für die Gegenden in die wir wollen dürfte es dann noch etwas funktionaler werden. Die 40 Meter Ankerleine mit 15 Metern eingespleißtem Blei ersetzen eben doch nicht 20 Meter Kette, die ich jetzt lieber hätte und nächstes Jahr auch haben werde. Aber Not macht erfinderisch, also erfinde ich das „Verkatten mit Reitgewicht“ (ich hoffe mal, das hat nicht schon jemand patentiert)…
Plan B: Sollte es ganz dick kommen, ist am Ende beider Leinen ein kleiner Fender als Boje angeschlagen. Muss es schnell gehen, geht das ganze Set komplett über Bord, ich gehe in den Hafen und hole beide Anker bei ruhigerem Wetter später wieder ab. (Das ist nicht neu, nicht spektakulär und bekommt deshalb auch keinen Namen)
Ein Winddreher auf Ost ist angesagt, dann soll es mit dem Pusten losgehen. Wieder fechten Realität und Plan ihren Sieg aus, wieder gewinnt unerbittlich die Realität. Die Kanne Kaffee für die Nacht ist gerade fertig, da kommen die sechs Windstärken aus Südost. Wohlige Sicherheit macht sich breit. Ich liege zumindest gerade noch im Windschatten einer Landzunge – fast nach Plan. Aber dann dreht der Wind auf Nord. Das Boot schwingt mit dem Wind herum, die Leine zum Klappdraggen kommt steif, dann die vom Hauptanker. Also slipt der Klappdraggen mit der Leine, bis beides ausgerichtet ist, gräbt sich dann ein und entlastet den Hauptanker. „Verkatten mit Reitgewicht“ funktioniert offenbar prächtig.
Das Nachtkonzert beginnt. Auf der Schäre hinter mir biegen sich die Tannen in der Bö des Winddrehers. Grundton ist das Heulen des Windes zwischen den Bäumen. Dazu, mal ganz leise und kaum vernehmbar, dann dominierend donnernd, das Rauschen des Regens. Ich mache den Niedergang zu, die Musik der Natur tritt in den Hintergrund. Am Rumpf plätschern Wellen, der Mast vibriert leicht im Wind und das Aluminium verstärkt das Brummen zu einem leisen Summen, das gleichmäßig in tausend Nuancen variierend den Salon füllt. Nicht bedrohlich, nur erinnernd, dass es draußen ungemütlich ist. Weit ungemütlicher als hier im Schein der Petroleumlaterne.
Paulinchen fängt, typisch Kurzkieler, ein wenig an vor dem Wind hin- und herzufahren, doch mit festgebundner Pinne hält sich auch das bald in Grenzen. Kein Rucken, kein Stampfen. Wären nicht die Schatten der Bäume in Bewegung und die langsam ein Hufeisen formenden Punkte am GPS, hätte man das Schwojen kaum bemerkt. Ich bin zufrieden. Mit etwas soliderem Ankergeschirr lassen sich auch noch einige Windstärken mehr ganz gut ertragen.
Gegen halb zwei wird es Zeit für die Eieruhr. Obwohl ich im Grunde ein gutes Gefühl habe, gönne ich mir eine weitre Nacht den wenig erholsamen Etappenschlaf. 20 Minuten dösen, drrrrrrring, ein Blick aus dem Niedergang auf das Hufeisen, kurz die anderen Boote in der Bucht überblicken, Eieruhr neu stellen und wieder hinlegen. Einmal stecke ich die Nase aus Neugierde etwas über die Sprayhood. Die Regentropfen sind dick und eiskalt, schmerzen beim Aufprall im Gesicht. Und es sind viele, unglaublich viele. Die Lichter des nur 500 Meter entfernten Fährhafens sind noch zu erkennen. Die Konturen der Anlagen hingegen liegen hinter einem undurchsichtigen Schleier.
Der Anker hält, der Test wird morgens um zehn Uhr für „bestanden“ erklärt. Der Wind flaut ab, ich fahre in den Hafen.

1 Kommentar

  • Waldemar says:

    Mann,
    diese 20 Minuten Eieruhr Geschichte hört sich nach neuster chinesischer Folter an. Ich denk hierbei an Nico, Hundertmark Scheine unter der eiskalten Dusche verbrennen: Segeln

    Pass auf dich auf!

    Waldemar