Knockdown im Pazifik

von Hinnerk Weiler / am 25.07.2017 / in Weilers-Welt

Aus meiner monatlichen Seemannschafts-Kolumne im Magazin „segeln“.

Mehr als 300 Seemeilen vor der Küste Chiles drehte sich Ende Februar Shane Freemans Kajüte einmal um den schlafenden Australier. „Ich wusste, dass es nicht gut aussehen würde, wenn ich meinen Kopf rausstrecke – und natürlich, das Rigg war unten“, erklärte er dem englischen Practical Boat Owner.

Seemannschaft im Wandel der Zeit. Jeden Monat in der "segeln"Vorbereitung auf kleine und große Katastrophen spielt nicht nur in der Segelausbildung eine wichtige Rolle: Im Auto haben wir uns an Sicherheitsgurte gewöhnt, sind mit Airbags umgeben und auch an Bord gehören Rettungswesten und Sorgleinen immer öfter zum Alltag.

Es gibt aber doch einen gravierenden Unterschied zwischen Unfällen auf See und an Land: Auf Autobahnen übernimmt ein Rettungsdienst Minuten nach einem Unfall das Kommando. Ganz anders an Bord auf hoher See. Dort kommen die großen Herausforderungen meist erst nachdem etwas passiert ist. Mit Rigg abtrennen und Boot sichern, endet aber die Theorie in der Ausbildung häufig.

Was dann kommt, darf man in Gedanken ruhig mal vorm Kamin weiterspinnen: Denn die Bordwand des chinesischen Getreidefrachters, der helfen kam, erschien auch Freeman plötzlich sehr hoch. Vor allem, wenn man sie bei rauer See an einer Strickleiter hinaufklettern soll, die man bei vier Meter Seegang erst einmal zu fassen bekommen muss. Natürlich, praktische Ausbildung dafür ist schwer zu realisieren, niemand würde seine Yacht dazu in einem Herbststurm auf der Nordsee riskieren. Davon, was Bergen und Verlassen bedeutet, sollte sich aber zumindest in der Theorie jeder ein Bild gemacht haben.

Und dazu gehört übrigens auch die letzte und schwerste Handlung eines Skippers: Vor Freemans beherztem Schritt auf die Leiter öffnete er die Seeventile, damit sein Schiff nicht zur Gefahr für Andere wird.

Jeden Monat schreibe ich im Magazin „segeln“ über Themen rund um den gebeutelten Begriff der Seemannschaft. Dieser Text erschien in der Druckausgabe 4/2017. Du hast Fragen oder möchtest ein bestimmtes Thema einmal genauer beleuchtet haben? – Schreibe mir

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.