Bewegte Bilder – Törnvideos mit dem iPhone drehen

von Hinnerk Weiler / am 12.08.2014 / in Technik, Ausrüstung, Praxis

Spätestens seit „All ist Lost“ wissen es alle: Segelfilme brauchen keine ausgereiften Dialoge, keine zu komplexen Szenen und nur einen einzigen Schauspieler. Warum also nicht selbst zum Macher der eigenen Geeschichte werden und den eigenen Törn in Szene setzen? – Abgesehen von den Möglichkeiten prall gefüllter Trickkisten eines Kinoregisseurs kann heute jeder mit einem Smartphone interessante Videos machen.

Aufmacher zum Artikel "Bewegte Bilder" aus Segeln 9/2014. Hinnerk Weiler mit Profi-Kamera am Strand der Bahamas

(Semi)-Professionelle Kameras bieten viel Möglichkeiten. Inzwischen sind aber auch mit einem einfachen Mobiltelefon beeindruckende Filme. möglich

In segeln 09/2014 habe ich einige grundlegende Tipps für die Aufnahme von unterwegs aufgeschrieben. Mit passenden Apps und etwas Erfahrung lassen sich die Ergebnisse weiter verbessern.

Sofort veröffentlichen oder für später aufheben?

Denn das Hauptproblem von »mal eben schnell« gemachten Videos sind neben dem chronologischen Ablauf die oft mit beim Aufnehmen verbundene Unruhe: Kameraschwenks, Wackler oder störende Zwischenrufe machen das Anschauen vieler Filme auf Youtube und Co für den Betrachter oft zur Tortur. Dagegen hilft nur nachträgliches Schneiden.

Am liebsten möchte man seine frischen Eindrücke sofort der ganzen Welt zeigen. Aber will die sie auch sehen? Natürlich! – Wenn es »jetzt gerade« stürmt und hagelt, der Mast gebrochen ist und der Anker quer durch die Bucht gezogen wurde, ist ein Statusupdate auf Instagram, Facebook, Twitter usw. für alle eine spannende Sache. In so einem Fall darf das Bild auch mal Wackeln und der Sturm ins Mikrofon blasen. Das unterstreicht die Dramatik und wirkt gleich doppelt authentisch.

Zehn Minuten abwechselnde Perspektiven vom sanften Dahingleiten durch die Adria werden aber bei kaum jemandem die Begeisterung wecken, die man selbst vor Ort erlebt hat. Diese Aufnahmen gehören zusammen mit Sonnenuntergängen und kreischenden Möven eher in einen komplett aufbereiteten Film mit passender Musik und einer kleinen Geschichte drum herum.

Das richtige Tool zum Filmen

Je kleiner die Kamera, desto leichter wackeln "ihre" Bilder. Einige Tips für bessere Aufnahmen gibt es ab heute in der Septemberausgabe von "segeln"

Je kleiner die Kamera, desto leichter wackeln „ihre“ Bilder. Einige Tips für bessere Aufnahmen gibt es ab heute in der Septemberausgabe von „segeln“

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Zum Aufnehmen der eigenen Filme ist gerade an Bord die im Smatphone integrierte Kamerasoftware meist die zweitbeste Wahl. Ihr Hauptproblem ist gerade bei Aufnahmen vom Schiff aus die Scharfstellung und Belichtung. Oft wird die von den weißen Flächen des Bootes oder von Wanten im Bild gestört. Das Ergebnis sind dann plötzliche und unkontollierbare Veränderungen im Bild.

Apps wie FiLMiC Pro oder Videon ermöglichen das zu umgehen. Mit einem Fingertipp auf das Motiv hält die Kamera sowohl den Fokus, als auch die Belichtungseinstellung für das Motiv konstant. Bei beiden Programmen kann zudem der Belichtungspunkt auch unabhängig vom Fokuspunkt gesetzt werden.

Umfangreiche Einstellmöglichkeiten bietet FilMic Pro

Umfangreiche Einstellmöglichkeiten bietet FilMic Pro

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Das ist zum Beispiel dann hilfreich, wenn ein Motiv unter Deck gefilmt werden soll und das Licht durch den Niedergang die Innenaufnahme schwarz werden lässt: Mit etwas probieren findet man meist einen Punkt im Bild, in dem beides eben noch annehmbar belichtet wird.

Simple Oberfläche bei Videon mit dem Zoomrad (unten rechts)

Simple Oberfläche bei Videon mit dem Zoomrad (unten rechts)

Videon bietet zudem die Möglichkeit, mit einem »Zoomrad« langsam während der Aufnahme ein Motiv zu vergrößern oder störende Elemente nicht mit aufzunehmen. Aus dem Cockpit kann damit ein Motiv auf dem Vorschiff gefilmt werden, dass sons eher klein und neben dem Rest vom Boot unscheinbar wirkt. Aber Vorsicht! Dies ist natürlich ein Digitalzoom. Das bedeutet, dass einfach Teile des Bildes weggeschnitten werden und der verbleibende Ausschnitt auf die Größe des Bildschirms hochgerechnet wird. Bei zu viel Zoom wird das Bild leicht unscharf, vor allem, wenn der Film später auf einem großen Bildschirm zuhause angeschaut werden soll.

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Viel Wind ums Mikrofon

Ohne Windschutz sind Aufnahmen im freien oft problematisch. Aber so eine "Dead Cat" lässt sich schlecht an ein Mobiltelefon montieren

Ohne Windschutz sind Aufnahmen im freien oft problematisch. Aber so eine „Dead Cat“ lässt sich schlecht an ein Mobiltelefon montieren

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Größtes Manko, spätestens bei Wind und Wetter ist oft die Tonqualität: Ohne extra Aufnahmetechnik kommt selten mehr als ein Knarren oder Windrauschen in der Aufnahme an. Schreit man gegen diesen Wind an, wird die Aufnahme nur noch zusätzlich verzerrt.

Gesprochene Inhalte an Deck gut ins Handy-Video zu bringen ist fast immer vergebene Liebesmüh. Aber wie wir bei „All ist Lost“ gesehen haben, braucht es ja auch keine großen Dialoge für einen guten Segelfilm.

Spannung, Dramatik oder auch Entspannung wird, wie am Anfang des Filmzeitalters, elegant über Musik vermittelt. Dass man dafür nicht einfach die Lieblingsmusik aus den Charts benutzen darf, ist inzwischen weitläufig bekannt.

Auf Webseiten wie freemusicarchive.com kann gezielt nach freier Musik gesucht werden, die in eignen Videos verwendet werden darf

Auf Webseiten wie freemusicarchive.com kann gezielt nach freier Musik gesucht werden, die in eignen Videos verwendet werden darf

Spätestens beim Hochladen auf Youtube wird der Film dank automatischer Musikerkennung damit ohnehin gleich wieder herausfliegen. Ein Vermögen für Musik muss heute trotzdem niemand mehr ausgeben. Beispielsweise gibt es freemusicarchive.org zu fast jedem Thema passende Musik freier Künstler und sogar ein komfortables Tool zum Suchen. Diverse Schnittprogramme wie iMovie bringen zudem eine Fülle an Musik mit, die man ebenfalls für seine Filme verwenden darf.

Um Filmsequenzen und Musik nachträglich zusammenzustellen, ist eine Schnittsoftware fast unumgänglich. Auf verschiedenen Spuren stellt sie die Film- und Tondateien dar und erlaubt auch einzelne Elemente aus einer Aufnahme herauszulöschen oder mit anderen Bildern zu überlagern. Eine verwackelte Aufnahme kann so beispielsweise auch durch das Standbild eines dazu passenden Fotos oder einen anderen Clip ersetzt werden. Wichtig ist dabei, dass alle modernen Programme nicht die Originale verändern und so für spätere Bearbeitung erhalten. Denn nichts ist frustrierender, als mit wachsender Übung zu merken: Was habe ich damals blos gemacht, jetzt kann ich die ganze Aufnahme nicht mehr brauchen.

Microsofts Movie Maker oder Apples iMovie sind auch für Laien einfach zu bedienen und bieten alles, was man für den Anfang braucht. Wer mehr Funktionsumfang möchte, kann später aus einer breiten Palette zwischen 99 Cent und über 9.000 Euro die für ihn passende Software wählen.

Video Schnitt am Telefon. Technisch ausgereift, aber dennoch wenig unterhaltsam.

Video Schnitt am Telefon. Technisch ausgereift, aber dennoch wenig unterhaltsam.

Natürlich gibt es auch für Tablet Computer und Smartphones entsprechende Programme. Für Apples iPhone und iPad ist neben iMovie die App Cute CUT Pro für 5,49 Euro durchaus einen Blick wert. Der kleine Bildschirm und begrenzte Speicherplatz dieser Geräte dämpft aber den Spaß erheblich. Für große Projekte ist zumindest ein Telefon damit gänzlich ungeeignet.

Überhaupt sind Filme nicht Filmchen, die „mal eben schnell“ geschnitten werden. Oft stecken gerade in den ersten zehn Minuten Video mehrere Stunden Arbeit, bis die Handgriffe sitzen und Übergänge flüssig sind, die passende Musik zur richtigen Zeit einsetzt und alles gut aussieht. Schneller geht das entgegen der Versprechen vieler Hersteller aber nur durch Übung, nicht durch immer neue Programme, bei denen man erst wieder andere Handgriffe lernen muss.

Einmal für eine Anwendung entschieden, sollte man ihr treu bleiben, bis man wirklich an den Punkt gelangt, wo alle Möglichkeiten ausgeschöpft wurden. In den Grundfunktionen des Schnitts sind die Unterschiede zudem eher gering.

Urlaubsvideos dürfen auch nicht zu lang sein. Man selbst ist in der Regel ein guter Maßstab: Hand auf Herz, Wie lange erträgt man selbst auf Youtube oder Facebook anderer Leute Urlaubsfilme anzuschauen? Bei durchschnittlicher Qualität dürfte bei fünf Minuten die eigene Schmerzgrenze liegen.

Statt langer Videos mit vielen Szenen, lohnt es sich den gesamten Törn in eine kleine Serie mit kurzen unabhängigen Clips zu zerlegen.

Das hat auch den Vorteil, dass statt eines großen Projektes nach zwei Wochen Chartertörn nicht hunderte kurze Filmchen zusammengebaut werden müssen, sondern eben nur jeweils die zu einem Abschnitt gehörenden.

Eine gute Aufteilung sind Etappen der Reise oder, etwas Abstrakter, sich Themen zu überlegen. Es lohnt, sich darüber schon vor dem Ablegen einen Augenblick Gedanken zu machen, um hinterher die passenden Bilder zu haben. So kann zum Beispiel ein Film die besten Häfen auf dem Törn vorstellen, ein anderer widmet sich nur einer besonderen Passage und ein Dritter erklärt, warum man selbst bei sieben Beaufort von vorn seinen Mords-Spaß hatte. Für Zuschauer ist das allemal spannender, als ein Gesamtwerk, in dem man versucht hat, alles unterzubringen und damit den Film in die Länge zieht.

App Tip: Videolicious fürs Videotagebuch

Schritt für Schritt führt das Programm zum Kurzfilm

In einzelnen Schritten führt das Programm zum Kurzfilm

Für einen täglichen Bericht nach Hause ist aber das Telefon die erste Wahl. Für iPhones ist mir dazu ein Programm aufgefallen, dass zwar einen etwas ungewöhnlichen Workflow mitbringt, aber für schnelle Filme unterwegs die idealen Voraussetzungen schafft: Videolicius.

Das Programm ist keine Schnittsoftware im klassischen Sinn, aber darin liegt seine Stärke für ein Videotagebuch. Der Arbeitsablauf sieht beispielsweise so aus:

Während des Tages werden kurze Sequenzen und Fotos gemacht. Abends setzt man sich beim Sundowner hin und wählt die Bilder aus, die man gern benutzen möchte. Für Videos müssen ebenfalls Start- und Endzeitpunkte festgelegt werden. Im zweiten Schritt werden die Elemente des Videologbuchs in Reihenfolge gebracht.

Die Auswahl der Element für Videolicious erfolgt vor der Aufnahme

Die Auswahl der Element für Videolicious erfolgt vor der Aufnahme

Kern der App ist die Funktion »Tell your Story«. Mit der Kamera zum Selfi gerichtet, beginnt man sich selbst aufzunehmen und Bild für Bild nacheinander in die Aufnahme einzublenden, während man vom Tag erzählt. Im letzten Schritt kann noch aus einer Bibliothek passende Musik zur Untermalung ausgesucht werden.

Am Ende wird der fertige Film direkt zum Anbieter der App hochgeladen und kann per E-Mail, Youtube, Facebook, … Freunden und Familie direkt geteilt werden.

In der kostenlosen Version der App sind die Filme auf eine Minute begrenzt und es steht online Platz für zehn Filme zur Verfügung. Natürlich können mehr Filme gemacht werden und lokal gespeicherte ältere Filme bleiben erhalten. Ebenfalls steht eine begrenzte Auswahl an Musik zur Verfügung. Die Vollversion kostet für ein komplettes Jahr 54,99 Euro und beinhaltet dafür Zugriff auf wesentlich mehr Musik und Platz für bis zu 100 Videos.

[youtube height=“300″ width=“95%“]https://www.youtube.com/watch?v=Vfd8E4Ttlfk[/youtube]

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So dauert das Erstellen eines einzelnen Filmes nur wenige Minuten und die Zuhausegebliebenen können direkt an den Abenteuern des Törns teilhaben.

Natürlich gibt es auch vergleichbare Apps für Android- und Windows-Geräte. In einem gesonderten Artikel werde ich einige davon demnächst (mangels entsprechnder Geräte) zumindest theoretisch vorstellen.

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