Zurück in Kanada

von Hinnerk Weiler / am 24.04.2012 / in Kanada
Drei Grad im Kanadischen LaSalle. Foto: Hinnerk Weiler

"Nachts fällt das Thermometer in Gefrierpunktnähe"

Kalt ist es hier… Dabei nennen es die Kanadier „unusual warm for the season“. Ungewöhnlich Warm bedeutet hier, dass das Thermometer nachts auf Gefrierpunktnähe fällt und tagsüber fegen bis zu 40 Knoten Wind über die Marina. Kein Wetter, um ein Boot ins Wasser zu lassen und auch nicht wirklich traumhaft, um an Bord zu wohnen.

Der Heizlüfter arbeitet rund um die Uhr und die ersten Tage in Kanada gingen schnell mit Einräumen und Aufklaren vorüber. Der Motor steht generalüberholt in der Halle und ich hoffe, Ende der Woche kann der Einbau losgehen.

Der Weg von der Schweiz nach LaSalle bestand vor allem aus langweiligen Stunden hoch über dem Atlantik, in Flughäfen und Bussen. Jederzeit würde ich denen die zwei Jahre an Bord vorziehen, die ich per Boot hier her benötigte. Beim Abflug in Zürich stand die Sonne gerade über Dubai und bis New York hatte sie uns mit Leichtigkeit überholt. Abflug um 10 Uhr, Ankunft um 14 Uhr. Dazwischen liegen neun Stunden. Zeitreisen im einundzwanzigsten Jahrhundert …

Segeln Magazin Titel Ausgabe Mai 2012 www.segelnmagazin.de

Segeln Ausgabe Mai 2012

Kostenloses Internet gibt es in Terminal Acht des John F. Kennedy Airports für 20 Minuten. Um zu surfen, muss man sich nur einen Werbespot ansehen. Wer länger online bleiben möchte, kann einen Vertrag abschließen. Einen Monat lang steht damit Internet an vielen Flughäfen der USA und angeblich auch an über 2000 weiteren Orten der Welt zur Verfügung. Ich erinnere mich, dass es so etwas in Deutschen Yachthäfen auch hin und wieder gab. Für Dauergäste mag so ein Angebot sinnvoll sein. Vielleicht auch für jemanden, der seinen Urlaub auf einem Flughafen verbringt. Welchen Nutzen versprechen aber die Betreiber dieser Dienste einem Reisenden, egal ob per Flieger oder Boot? Der nächste Flughafen oder die nächste Marina wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dasselbe Angebot von einem anderen Anbieter haben. Meine 20 Minuten genügen, um die frisch erschienene Ausgabe der neuen segeln herunterzuladen. Auf dem Titelfoto stehe ich an der Pinne einer 20 Fuß Jeanneau und versuche den Genacker im leichten Wind für das Foto ordentlich zum Stehen zu bekommen. Daneben steht „So teuer sind Europas Häfen“ beim virtuellen Durchblättern merke ich, dass ich die Ostküste der USA inzwischen beinahe besser kenne, als meine „Heimatreviere“.

Ich hatte mich auf meinen „Bummel“-Trip aber nicht gefreut, um an Flughäfen in Facebook oder Magazinen zu blättern. Viel mehr war es die Chance, einen Blick auf Details werfen zu können, an denen man oft achtlos vorbeihetzt, wenn der nächste Flieger schon bei der Landung zum Boarding bereit ist.

An Scotty zum Beispiel. Ich weiß nicht, wie er wirklich heißt, aber er ist stämmig, mit leicht gekraustem dünnem Haar und ich habe ihn vor meinem geistigen Auge einfach „Scotty“ getauft. Auf seiner blauen Uniform prangte ein kreisrunder Aufnäher auf der Brust. Ein stilisierter Adler, der Schaufel und Besen in den Krallen trägt. Kein Zweifel, ich bin wieder in Nordamerika. Scotty gehört zum „Fascility stuff“. Unter seinem Arm klemmte eine Rolle technischer Zeichnungen. Hin und wieder, unverständliche Dinge murmelnd, knallte er dieses Bündel auf einen der Tresen, blätterte darin umher und ging dann zu einem Ventilationsschacht, um ein Taschentuch vor die Öffnung zu halten. Er lächelte, wenn es zu flattern begann.

Das Bummeln lässt Zeit für Gespräche. Von einer Zahnärztin aus Puerto Rico erfahre ich, wie schwer das Leben in der Karibik ist. Kriminalität, Wirtschaft … viel zu lachen gibt es nicht. Traumhaft soll es dennoch sein und auf meinem Weg nach Süden soll ich unbediengt vorbei kommen. Wir tauschen E-Mailadressen, dann wird ihr Flug aufgerufen und ich bleibe im Wartesaal allein zurück.

Wieder im Kanadischen LaSalle, nach einem halben Jahr zurück an Bord von Paulinchen. Foto: Hinnerk Weiler

Zurück an Bord

Irgendwann aber wird auch bummeln anstrengend. In großem Maßstab hatte ich das im vergangenen Sommer erlebt. Zu langes Warten, wie in Annapolis zerrt an den Nerven. Egal, ob Wochen in einer Ankerbucht oder ein halber Tag in einer Wartehalle.

Der Toronto-Flughafen bereitete sich auf das nächtliche Flugverbot vor. In der Wartehalle im Ankunftsbereich bestimmen Staubsauger das Bild. Jeder hetzt hinaus, um ein Taxi oder einen der letzten Busse Richtung Innenstadt zu erreichen. Für mich beginnen einige Stunden schlaf. Mit dem Kopf auf meinem Rucksack und einem Arm um den Trolley. Anderthalb Stunden nach Mitternacht genügen sogar meine wenigen Überbleibsel aus dem Spanischunterricht noch, um bei der Verhandlung zwischen einem Mexikaner und dem Busfahrer die helfenden Stichworte einstreuen zu können.

Im Dunkel der Nacht durchqueren wir den Bundesstaat Ontario. Ich sitze in der vordersten Reihe mit freiem Blick auf den Highway. Von Kanada sehe ich nur den Asphalt im Kegel der Lichter, dann fallen meine Augen zu.

Gegen Morgen wird es hell, die Landschaft ist flach, zersiedelt von flachen Häusern. Der Mexikaner steigt wie verabredet an einem Rastplatz aus. Ein Pick-up wartet hier auf ihn. In den kommenden Wochen wird er irgendwo in einem Gewächshaus beim Gemüsepflücken mehr Geld verdienen, als in einem halben Jahr in seiner Heimat.

Lagerfeuer am Detroit River in Amherstburgh, Ontario, Kanada. Foto: Hinnerk Weiler

Abends gibt es Lagerfeuer und Hamburgergrillen am Fluss zum Willkommen

Das ist hier nichts ungewöhnliches und die Amerikanische Landwirtschaft ist auf die billigen Arbeitskräfte aus dem Süden angewiesen. „Alles legal“, versichert mein Sitznachbar. Die Mexikaner bekommen mit etwa elf Dollar pro Stunde den gesetzlichen Mindestlohn. Davon gehen dann allerdings die Kosten für Unterkunft und Verpflegung ab. Für das, was ihnen am Ende bleibt, würde sich kaum ein Kanadier zwölf Stunden am Tag an die Arbeit machen.

Der Bus erreicht Windsor. Christine ist extra meinetwegen früh aufgestanden. Um halb sieben steht sie in der Lobby des Hotels, das dem Bus als Zwischenstopp dient. Es geht kaum klassischer: Wir stoppen bei Tim Horton‘s und trinken einen Kaffee, frühstücken einen Bagel, dann setzt sie mich bei Rob und Katie vor der Tür ab. Zeit zu Schlafen.

2 Kommentare

  • Christine says:

    … als wenn man mit Dir zusammen gereist wäre. Ein schöner Bericht.

    Ich saß auch mal mehrere Stunden am JFK und habe glücklicherweise einen Platz gefunden, der so dicht an einer Lounge lag, dass ich ewig „illegal“ surfen konnte.

  • Denis Apel says:

    Hey Hinnerk,

    ich wünsche dir für den einbau des Motors alles Gute, hoffentlich läuft er dann wieder rund.

    Danke für deine Beitrag zur Mittagspause

    Grüße aus Berlin,
    Denis